Rein in die Windeln, raus aus den Windeln.

Windeln gehören zu einem Baby einfach dazu. Sie sind für die meisten von uns so normal, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, dass es auch ohne sie gehen könnte. Selbst ein Blick in andere Länder wirkt da nicht unbedingt erhellend. Wenn wir beispielsweise ein indisches Kind mit nacktem Popo auf dem Arm der Mutter sehen oder ein afrikanisches Baby halbnackt im Tragetuch auf dem Rücken der Mama, dann denken wir eher "die Armen können sich keine Windeln leisten" als "wieso werden die eigentlich nicht ständig von ihren Kindern vollgepieselt?". Dabei ist die Antwort ganz einfach: sie brauchen keine Windeln, weil sie merken, wann das Kind muss! Dann halten sie es ab, das Kind erleichtert sich und fertig. Hört sich für mich viel praktischer und sauberer an, als Windeln zu waschen und verschmierte Popos zu säubern. Sollten Windeln vielleicht doch nicht notwendig sein?

Häufig wird den Babys und Kleinkindern abgesprochen, eine Kontrolle über ihre Ausscheidungen zu haben. Daher ist es seit den 1990er Jahren verbreitet, das Kind so lange zu wickeln, bis es von selber trocken werden will. Doch fast alle Neugeborenen signalisieren, wenn sie müssen! Genauso wie sie signalisieren, dass sie Hunger haben, müde sind oder Körperkontakt brauchen. Werden die Signale jedoch nicht beachtet, hören die Kinder mit der Zeit auf, diese Zeichen zu geben. Oftmals, wenn wir denken "warum ist das Kind nur so unruhig", muss es vielleicht einfach nur. Viele Mütter merken genau, wann ihr Kind sein Geschäft erledigt. Doch auf die Idee, ihm dann einfach die Windel auszuziehen und es abzuhalten, muss man erst mal kommen!

Heute gibt es mehrere Bücher zum Thema "Windelfrei" oder "TopfFit" – so die gängigen Begriffe - und auch Blogs wie 123windelfrei.de. Dort wird beschrieben, was die Vorteile von windelfreien Kindern sind, wie Eltern die Signale ihres Kindes erkennen können und wie der Alltag mit windelfreien oder zeitweise windelfreien Kindern aussehen kann. Es ist ein richtiger Trend weg von der Windel entstanden. Man kann sogar Windelfrei-Coach werden.

Warum aber ist ein windelfreies Kind so ungewöhnlich bei uns? Was hätten sich doch unsere Großmütter an Arbeit erspart, wenn sie keine Windeln hätten waschen müssen! Ohne Waschmaschine war ihnen daran gelegen, ihre Kinder möglichst früh sauber zu bekommen. Man hört häufig Geschichten, wie die "Sauberkeitserziehung" früher abgelaufen sei. Da wird erzählt von "zwangsgetopften" Kindern, die zu bestimmten Zeiten aufs Töpfchen gesetzt wurden und dort zu bleiben hatten, bis etwas im Töpfchen gelandet war.

Aber auch den windelfrei-Ansatz gab es früher schon. 1914 schrieb Dr. Ziegelroth, Leiter des Sanatoriums Krummhübel im Riesengebirge, in seinem Ratgeber "A-B-C für junge Mütter": "Es ist vielmehr alles Augenmerk darauf zu lenken, zur Stelle zu sein, bevor das Kind sich schmutzig macht. Bei einiger Aufmerksamkeit wird man an der Unruhe des Kindes lernen, selbst nachts, rechtzeitig zur Stelle zu sein. Eine sorgsame Mutter kann schon das Kind im 3. Monat völlig "stubenrein" erhalten."

Was uns heute also so neumodisch daher kommt, ist also eigentlich nur eine Rückbesinnung auf Altbekanntes. Das „Zwangstopfen“ ist ein Extrem, das zwar vor kam, aber mit Sicherheit nicht so verbreitet war, wie man manchmal glauben könnte. Es gab viele verschiedene Abstufungen der "Sauberkeitserziehung", die von regelmäßigem Auf-den-Topf-Setzen bis zu Windelfrei alles umfassten.

Es ist aber auch nöthig, daß das Kind so früh als irgend möglich an Reinlichkeit gewöhnt werde. Schon nach den ersten drei Monaten seines Lebens muß man diese Art der Erziehung beginnen, die damit ihren Anfang nimmt, daß man vor jedesmaligem Niederlegen zum Schlafe und nach jedem Erwachen und in der Zeit des Wachens alle halbe Stunde das Kind "abhält" (ein von Müttern wohlverstandener Ausdruck) und es, ohne zu erkälten, durch die geeigneten üblichen Ermunterungen, niemals durch Berührung der Geschlechstheile, so lange hält und auf den Zweck aufmerksam zu machen sucht, bis seine gewünschte und zeitgemäße Entleerung erfolgt ist. Uebt man dies consequent, so wird es nicht schwer, Kinder im Alter von 4-5 Monaten zu gewöhnen, nicht nur bei dieser Gelegenheit ihre Bedürfnisse ins Geschirr zu entleeren, sondern auch durch Geberden und anderweitige Kennzeichen zu verstehen zu geben, daß sie in die Situation gebracht werden wollen, wo sie sich entleeren können, und es gewöhnen sich auch Blase und Mastdarm an diese Regelmäßigkeit sehr leicht. Das Kind hat aber den Vortheil davon, daß es angenehmer und ruhiger in seiner Wäsche liegt, nicht wund wird und alle wohltätigen Einflüsse der Reinlichkeit auf seine Gesundheit genießt.

Dr. med. Hermann Klencke, "Die Mutter", 1875

Was trägt das windelfreie Kind? Na, Schlitzhosen!

Mädchen sollen frühzeitig Unterhosen tragen, namentlich im Winter, damit sie hinreichend geschützt sind, ohn dass man genöthigt ist, ihnen schwere Unterröcke anzulegen, In Frankreich und England wird viel Wert darauf gelegt, dass diese Unterhosen, wo sie den unteren Theil des Rumpfes bedecken, volständig geschlossen seien. Allerdings gewähren sie dadurch vollständigen Schutz und mögen auch gewisse pädagogische Vortheile haben, aber unbequem sind sie und schieben die Zeit hinaus, in der die Kinder in der Lage sind, nach der Befriedigung von natürlichen Bedürfnissen ihre Kleidung ohne fremde Hilfe wieder in Ordnung zu bringen. Für den Schutz gegen Erkältung genügt es, wenn nur der Bauch dauernd bedeckt ist, rückwärts kann ein Schlitz sein, der weit genug nach unten und vorn reicht, um auch die Entleerung des Urins ohne weitere Vorbereitung zu gestatten. Dasselbe gilt für die Unterhosen der Knaben, die früher vielfach und nicht unzweckmässig mit einem Leibchen ohne Aermel versehen und vorn zugebunden oder zugeknöpft wurden. Das Leibchen gewährt eine Bedeckung für einen Theil des Rumpfes, der bei der üblichen Knaben- und Männerkleidung meist schlecht geschützt ist.

Dr. Ernst Brücke, "Wie behütet man Leben und Gesundheit seiner Kinder?", 1892

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