Anton und Lieschen; oder: die Kinder, die sich selbst regieren wollen. 1811

Kinder gehorchen nicht gern. Das ist nichts neues. Gehorsam wurde allerdings lange Zeit als unbedingt notwendig für eine gelungene Erziehung angesehen. Doch was dachten die Erwachsenen, würde passieren, wenn Kinder nicht gehorchen müssten? Johann Andreas Christian Löhr (1764-1823) war Theologe und Jugendschriftsteller. Er schrieb ein Buch zur "Bildung des sittlichen Gefühls und Urtheils sowohl zum Gebrauch beim öffentlichen als häuslichen Unterricht" mit dem Titel Kleine Geschichten und Erzählungen für Kinder. In einer dieser Lehrgeschichten lässt Löhr einen Vater das Experiment wagen. Die Kinder dürfen über sich selbst bestimmen. 

Anton und Lieschen; oder: die Kinder, die sich selbst regieren wollen.

Anton und Lieschen wünschten einmal, daß sie doch möchten thun können, was sie wollten, und daß ihnen keiner möchte etwas zu befehlen haben. Ha, sagten sie, da wollten wir einmal vergnügt seyn. - „ Wenn ihr meint, sagte der Vater, so können wir es wohl einmal auf einen Tag probiren. Von morgen an habt ihr euern Willen niemand im ganzen Hause wird euch etwas sagen."

Die Kinder sprangen vor Freuden hoch in die Höhe. „Morgen! morgen! sagten sie vergnügt zu einander, und konnten kaum erwarten bis es morgen war.

Der Morgen kam. Sonst hatte man sie bald nach sechs Uhr geweckt, heute schliefen sie bis nach acht Uhr. Wie sie aufstanden, so waren sie viel träger und verdrossener als sonst, und das Frühstück schmeckte nicht halb so gut. - Sie ließen sich anziehen und nun wollten sie spielen. Es war schon neun Uhr.

"Aber was spielen wir denn?" fragte Anton seine Schwester. Da hatte nun jedes ein anderes Spiel im Vorschlage, und keines wollte das Spiel des andern. Anton wollte Kutscher und Pferd, oder Hirsch und Jäger und Hund spielen, oder Steckenpferdchen, und Lieschen wollte Kartenhäuser bauen, oder Blindekuh oder Verstecken spielen. Die Kinder stritten und zankten sich, und jedes drohete dem andern, daß es gar nicht mit ihm spielen wollte. Jedes stellte sich in eine Stubenecke, und that böse mit dem andern. Darüber wurde beiden Zeit und Weile lang. Die Glocke schlug zehn - vom ganzen Vormittag waren nur noch zwei Stunden übrig.

"Komm, sagte Anton endlich zu Lieschen, wir wollen Blindekuh spielen, du sollst die Blindekuh seyn!“ - "Ja, antwortete Lieschen verdrießlich, daß du mir wieder einen Stuhl hinstellst, wie neulich, wo ich mir fast den Kopf aufgeschlagen hätte - - du mußt heute Blindekuh seyn."

Anton wollte nicht Blindekuh seyn, Lieschen wollte es nicht seyn. Die Kinder veruneinigten sich aufs neue, und standen wieder jedes in einer Ecke. Anton pfiff, Lieschen trallerte! Anton holte sich Pferd und Peitsche, Lieschen ihre Puppe.- Das einsame Spiel wurde den Kindern bald unausstehlich. Anton warf seine Peitsche weg und stellte sein Pferd in den Winkel: Lieschen vergaß mit ihrer Puppe zu plaudern.

"Komm, lieber Anton, fing Lieschen an, ich will dein Pferd seyn."- Oh! oh! rief Anton, das ist schön. Anton holte seine Peitsche wieder. Sieh, sagte er zu seiner Schwester, hier habe ich einen langen Riemen das soll der Zügel seyn! Du nimmst den Zügel in den Mund, und ich lenke dann daran. "In den Mund, antwortete Lieschen; i pfui doch - wer soll denn den alten Riemen in den Mund nehmen,den du schon überall umher geschleppt hast?" Anton behauptete, der Zügel müßte in den Mund, denn so sey es ja doch bei den Pferden; Lieschen meinte, das sey gar nicht nöthig man kann ihn ebenso gut um den Leib befestigen, auch sey sie ja kein wirkliches Pferd. Keiner gab nach und aus dem Spiele wurde nichts. Jeder spielte wieder für sich allein, Anton holte seinen Hund, Pferde; Soldaten; Lieschen ihre Puppen, Spiegel und Bänder; aber sie hatten sehr wenig Freude dabei.

Es war Mittag. "Wollet ihr nicht essen?" fragte der Vater, der eben hereintrat. - Die Kinder freuten sich, daß es zu Tische ging, und vergaßen ihren Unmuth.

Ei welche herrliche Gerichte hatte die Mutter heute auftragen lassen! Es war gerade ein Fremder da, welchen der Vater sehr werth hielt. Da stand Kuchen - Torte und Obst, und jedem war sein Glas hingesetzt zum Wein.

„Kinder, sprach der Vater, wenn ich euch heute etwas zu befehlen hätte, so dürftet ihr keinen Wein trinken, und von allem Gebackenen dürftet ihr nichts essen, außer etwas Wenigen von diesem Kuchen; in dessen ihr seyd heute einmal eure eigene Herrn, ihr könnt es damit halten, wie ihr wollt."

Die Kinder aßen ganz unmäßig von dem Gebackenen und fast gar keine Suppe und Gemüse. Lieschen trank ein großes Glas Wein aus, Anton trank fast zwei. Der Kopf wurde den Kindern so schwer, der Bauch war ihnen so voll, so ausgespannt. Es gefiel ihnen nicht länger am Tische. Komm, wir wollen in den Garten, sagte Anton zu Lieschen, und zog seine Schwester mit fort.

Im Garten war ein kleiner Teich, und auf dem Teiche ein Kahn. Ha, rief Anton, wir wollen uns auf dem Kahne fahren, komm, liebes Lieschen. - "Fahren? sagte Lieschen, du weißt ja, daß uns das verboten ist!"— Heute ist uns nichts verboten, furchtsames Mädchen, antwortete Anton — und die Kinder gingen zum Kahn, den sie aber nicht losmachen konnten, weil er an einen großen Pfahl fest angeschlossen war. Nun, sagte Anton, so wollen wir uns wenigstens auf dem Kahne ein wenig hin und her schaukeln; und die Kinder stiegen in den Kahn hinein.

Anton wackelte an dem Kahne, aber er wurde das bald überdrüßig. Er wurde verwegen, und wollte nun gar auf den Rand des Kahns steigen, um mit beiden ausgespreizten Füßen denselben stärker hin und her zu schaukeln. Darüber kam der Kahn in ein sehr starkes Schwanken. Anton verlor das Gleichgewicht und konnte sich nicht länger erhalten, Lieschen faßte nach seinem Rocke, um ihn zurückzuziehen, Anton aber war ihr zu schwer, und beide Kinder stürzten in den Teich.

Schnell sprang der Vater hinzu, der ihnen zum Glück heimlich nachgegangen war, und ergriff mit jeder Hand eines seiner thörichten Kinder, und trug sie ins Haus. Die Unverständigen waren halb todt, und konnten sich lange nicht besinnen. Sie fingen so heftig an zu zittern, als man sie auskleidete und ins Bette brachte, daß ihre Zähne klapperten; sie bekamen fürchterliche Kopfschmerzen, Schneiden im Unterleibe, und dann fingen sie an sich zu erbrechen. Hitze und Frost folgten einander abwechselnd.

Drei Tage blieben die Kinder so krank, mußten Arzeneien nehmen, am vierten konnten sie wieder aus dem Bette seyn. "Nun, wie stehts, fragte sie der Vater? - wollt ihr noch eure eigene Herrn seyn? Ihr könnt immer noch euren Willen haben.“ – "Nein, mein lieber Vater, riefen beide Kinder, wir wissen ja nicht, was uns gut ist, wir wollen uns nicht wieder selbst regieren!

Zus. Diese Kinder lernten aus eigner Erfahrung, wie gut es für Kinder ist, daß sie Aeltern, Lehrern und Vorgesetzten gehorchen müssen.- Blos aus Mangel an Gehorsam kommen noch täglich eine Menge Kinder in Schaden.

Kleine Geschichten und Erzählungen für Kinder, Johann Andreas Christian Löhr, 3. Auflage, 1811

Was Löhr hier schildert, ist ein Laisser-Faire-Ansatz. Klar, dass das nicht gut geht. Kinder brauchen Leitung, aber das bedeutet nicht Befehle und Gehorsam. Kann Löhr sich kein Zwischending vorstellen? Oder soll die Geschichte nur dazu dienen, den Kindern den Ungehorsam auszutreiben?

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