Dieser Spektrum-Artikel ...

Auf spektrum.de gibt es seit Januar 2019 einen Artikel mit dem Titel "Erziehung fĂŒr den FĂŒhrer" von der Psychologin und Journalistin Anne Kratzer, welcher fleißig auf den Social Media geteilt wird. WĂ€hrend er die Folgen schwarzer PĂ€dagogik treffend darstellt, liegt er bei der Historie ziemlich daneben. Leider verfestigt sich dadurch der falsche Blick auf Johanna Haarer und ihren Einfluss auf die heutige Erziehung. Das geht schon im Anrisstext los.

"Um eine Generation aus MitlĂ€ufern und Soldaten heranzuziehen, forderte das NS-Regime von MĂŒttern, die BedĂŒrfnisse ihrer Kleinkinder gezielt zu ignorieren"

Fangen wir hinten an, weil der zweite Punkt weniger ErklĂ€rung verlangt. Es wurde nicht gefordert, die BedĂŒrfnisse zu ignorieren. Vielmehr wurden BedĂŒrfnisse, wie das nach NĂ€he und Unterhaltung, nicht als solche anerkannt. Dies waren nach gĂ€ngiger Meinung (nicht nur in Deutschland!) WĂŒnsche und nicht BedĂŒrfnisse. WĂŒnsche sollten den Kindern nur in geringer Zahl erfĂŒllt werden, damit sie nicht anspruchsvoll wĂŒrden. Das bedeutet, Kinder standen in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten, weil sie noch viel zu lernen hatten.

Zum ersten Punkt mag ich darauf hinweisen, dass die Generation aus MitlĂ€ufern und Soldaten bereits da war. Dadurch konnten die Nazis ĂŒberhaupt die Macht ergreifen. In den 2-3 Generationen davor war die Erziehung immer hĂ€rter geworden. Was gerne als "Nazi-Erziehung" beschrieben wurde, hatte beispielsweise Adalbert Czerny schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts vehement als einzig richtige Erziehung vertreten. Er hielt eine Reihe an VortrĂ€gen, die 1908 unter dem Titel "Der Arzt als Erzieher des Kindes" in Buchform erschienen. Dieses Buch erschien bis 1946 in elf unverĂ€nderten Auflagen.

Im Vorwort zur 8. Auflage 1934 stellte Czerny mit Genugtuung fest: „Die Vorlesungen hatten den Zweck, die Ärzte aufmerksam zu machen, daß es ihre Aufgabe ist, sich mit der Erziehung der Kinder zu befassen. Die Aufgabe ist gegenwĂ€rtig erfĂŒllt.“ Es waren nĂ€mlich ganz besonders die Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen, die herangezogen worden waren, um strenge SĂ€uglingspflegeregeln und Kleinkinderziehung durchzusetzen, bevor die Nazis ĂŒberhaupt an die Macht kamen. 

Aber MitlĂ€ufer und Soldaten groß zu ziehen war nie das Ziel dieser PĂ€dagogik. Es war zwar die Folge, denn Kinder, denen der Wille frĂŒh gebrochen wurde, lassen sich im spĂ€teren Leben oft leicht manipulieren. Doch das Ziel war ein körperlich und mental stĂ€rkeres Volk. "AbhĂ€rtung" war das Zauberwort. In demselben Sinn, wie wir unser Immunsystem stĂ€rken, um Infektionskrankheiten besser abwehren zu können, sollte auch der Geist gestĂ€rkt werden, um die UnwĂ€gbarkeiten des Lebens besser aushalten zu können. Das Gegenteil davon wurde "Verweichlichung" oder "VerzĂ€rtelung" genannt.

Der Vorwurf, dass Eltern in einer Art und Weise erzogen hĂ€tten, von der sie wussten, dass es ihren Kindern mental schadet, ist absurd. Dass Ärzt*innen und PĂ€dagog*innen einen Erziehungsstil forderten, von dem sie wussten, dass er die Kinder kaputt macht, ist absurd. Sie haben es mit den besten Absichten gemacht und konnten die Folgen aus Mangel an Wissen nicht abschĂ€tzen. Das macht das Endergebnis nicht besser, aber der Vorwurf der absichtlichen Zerstörung der Kinderseele ist nicht haltbar.

Wir können allerdings sehr wohl einigen von ihnen vorwerfen, dass sie nicht willens waren, die Warnzeichen zu erkennen. So leugnete Czerny beispielsweise die Existenz von Hospitalismus und sah die stillen, fĂŒgsamen Kinder als Erziehungserfolg.

"(...) es ist in keiner Weise erwiesen, daß den Kindern Nachteile durch den Mangel an psychischer Anregung erwachsen. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß dieselben in anderen UmstĂ€nden der Hospitalpflege zu suchen sind. Die Erfahrungen in SĂ€uglingshospitĂ€lern sind aber dadurch wertvoll, daß man in diesen Anstalten sehen und lernen kann, wie weit sich sie SĂ€uglinge durch Erziehung beeinflussen lassen.
In der Privatpraxis hört man von Kindern, bei denen die DurchfĂŒhrung einer bestimmten ErnĂ€hrung nicht erreichbar ist, denen eine vom Arzt verordnete Nahrung nicht beizubringen ist, welche nicht liegen, sondern permanent getragen sein wollen, von Kindern, welche sich vor MĂ€nnern fĂŒrchten oder umgekehrt vor jeder Frau mit Ausnahme der Pflegerin u. dgl. m. Solche Beobachtungen fehlen dem Anstaltsarzt, auch wenn er ĂŒber das grĂ¶ĂŸere Beobachtungsmaterial verfĂŒgt. Sie fehlen, weil sie unter dem Einflusse der Anstaltserziehung nicht vorkommen."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1908

Denn fĂŒgsam sollten die Kinder sein! So lange sie Kinder waren. Die Erwachsenen wĂŒssten schließlich besser, was gut fĂŒr die Kinder sei. Die Kinder hingegen hatten das ja noch nicht gelernt. Erlerntes Wissen und die Beherrschung aller Instinkte und Triebe war seit dem Biedermeier das auserkorene Ziel der Erziehung, und das, was den Menschen zur Krone der Schöpfung machte. Wer sich impulsiv oder instinktiv auffĂŒhrte - so wie Kinder es halt tun - der hatte noch nicht die höchste Stufe des Mensch-Seins erreicht und auf den wurde dementsprechend hinabgeschaut. Hier hat die Sicht auf das Kind als defizitĂ€res Wesen, als noch nicht vollwertiger Mensch seinen Ursprung.

Der Spektrum-Artikel beginnt mit einem Fallbeispiel. Schon im zweiten Abschnitt wird Johanna Haarer erwĂ€hnt. In ihr und ihrem Ratgeber "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" sehen die Patientin und ihre Psychotherapeutin den Urspung fĂŒr die Bindungsprobleme der Patientin. Das Buch erschien erstmals 1934. Bis Kriegsende sollen nahezu 700.000 Exemplare verkauft worden sein. Die letzte Auflage von 1987 warb mit ĂŒber 1 Million verkauften Exemplaren.

"Dabei ist Renate Flens, die in Wirklichkeit anders heißt, gerade einmal in den 60ern – also erst nach dem Krieg geboren worden. Doch Haarers BĂŒcher waren Bestseller. Auch im Deutschland der Nachkriegszeit fanden sich noch in fast jedem Haushalt Exemplare ihrer Werke."

Haarers Buch war unstreitig weit verbreitet. Laut Statistik gab es 1939 in Deutschland 20,33 Millionen Haushalte. 1950 waren es in der BRD 16,65 Millionen und in der DDR, wo Haarers Buch nicht weiter aufgelegt wurde, 6,72 Millionen Haushalte.1961 gab es in der BRD 19,46 Millionen Haushalte. Haarers berĂŒhmter Erziehungsratgeber konnte also nicht "in fast jedem Haushalt" gefunden werden. Selbst wenn wir ihre anderen BĂŒcher dazunehmen, ist das nicht möglich. "Unsere kleinen Kinder" und "Unsere Schulkinder" hatten nicht annĂ€hernd denselben Erfolg wie "Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind". Haarers restliche BĂŒcher hatten mit Erziehung nichts zu tun. GroßzĂŒgig geschĂ€tzt, stand in den 1960ern also höchstens in jedem zwanzigsten Haushalt eines von Haarers BĂŒchern. Die echte Zahl lag wahrscheinlich weit darunter. Zumal nicht jede Familie, die ein Haarer-Buch hatte, dies auch fĂŒr die Erziehung heranzog. So wie die Mutter von Anne Kratzer selber verdeutlicht.

Im ĂŒbrigen unterscheiden sich die spĂ€ten Ausgaben im Ton und in der Botschaft deutlich von denen vor 1945. Ich arbeite derzeit an einem direkten Vergleich zweier Ausgaben. Auf Patreon habe ich bereits erste Erkenntnisse veröffentlicht und werde dort ausfĂŒhrlich berichten. Eine Zusammenfassung wird es dann hinterher auch hier im Blog geben.

Nun wird die Behauptung aus dem Anrisstext wiederholt und ein weiter vermeintlicher Zweck dieser Erziehung hinzugefĂŒgt. 

"Um sie zu guten Soldaten und MitlĂ€ufern zu machen, forderte das NS-Regime MĂŒtter dazu auf, die BedĂŒrfnisse ihrer Babys gezielt zu ignorieren. Sie sollten emotions- und bindungsarm werden."

Auch das stimmt nicht. Hier wird wieder unterstellt, dass diese Folgen absichtlich herbeigefĂŒhrt worden wĂ€ren. Das Konzept der Bindung war jedoch noch völlig unbekannt. Der britischen Psychoanalytiker und Kinderpsychiater John Bowlby Àußerte 1940 erstmals grundlegende Ideen seiner Bindungstheorie. Als er 1957 die Bindungstheorie offiziell vorstellte, war sie sehr umstritten. Bowlby selbst, der 1907 geboren wurde, wuchs ĂŒbrigens mit sehr wenig Kontakt zu seiner Mutter auf. Das war damals in England verbreitet, da auch hier wie in Deutschland die Verweichlichung der Kinder befĂŒrchtet wurde, wenn sie zu viel NĂ€he und Aufmerksamkeit von ihrer Mutter bekĂ€men.

Kinder sollten trotz allem ihre Eltern lieben. Und "Mutterliebe" war ein vielbeschworenes Ideal. Letztlich verbarg sich dahinter ein PflichtgefĂŒhl, statt einer emotionalen NĂ€he. Doch auch ein PflichtgefĂŒhl ist nichts ohne emotionelle Grundlage. Von daher stimmt auch die Behauptung nicht, Kinder sollten zur Emotionsarmut erzogen werden. 

Weiter geht es in dem Spektrum-Artikel:

"Wenn eine ganze Generation systematisch dazu erzogen worden ist, keine Bindungen zu anderen aufzubauen, wie kann sie es dann ihren Kindern oder Enkelkindern beibringen?"

Wie eingangs erwĂ€hnt ist genau das der Knackpunkt fĂŒr die NS-Erziehung. Die Erzieher*innen, Ärzt*innen und Eltern waren selber schon bindungsgestört. Nur so konnte die Schwarze PĂ€dagogik zur Nazi-Zeit ihren Höhepunkt finden. Das ist der Punkt, in dem sich Deutschland von anderen Staaten unterscheidet, indem hier Gegenstimmen zur Schwarzen PĂ€dagogik zur NS-Zeit von staatlicher Seite nicht geduldet wurden. Anderswo wurden gegenteilige Meinungen, die es bis dahin auch in Deutschland gegeben hatte, derweil weiterentwickelt. Doch die FrĂŒchte dieser Arbeit wurden weltweit erst deutlich nach 1945 geerntet. Darum unterscheiden sich die Diskurse und der Mainstream in westlichen LĂ€ndern kaum. Schlaflernprogramme sind in Frankreich, England oder den USA genauso verbreitet wie in Deutschland. Bindungsorientierte Erziehung ist in all diesen LĂ€ndern noch immer eine Nische. Und zwar eine, der heftiger Wind entgegen blĂ€st, weil viel zu viele Menschen noch immer der Meinung sind, Kinder wĂŒrden zu Tyrannen werden, wenn man sie nicht von klein auf in enge Schranken wiese.

Das berĂŒhmteste Schlaflernprogramm stammt von dem US-amerikanischen Kinderarzt Richard Ferber. Nach Deutschland gebracht wurde es 1995 durch das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth, welches auch in dem Spektrum-Artikel erwĂ€hnt wird. Nur die Herkunft der Methode bleibt unerwĂ€hnt. Statt dessen werden Parallelen zu Haarers Empfehlungen gezogen, als ob sie Patin fĂŒr "Jedes Kind kann schlafen lernen" gestanden hĂ€tte.

"Das Baby als ein QuĂ€lgeist, dessen Wille es zu brechen gilt – so sah Johanna Haarer Kinder."

Das stimmt zwar, aber durch die Darstellung im Artikel erscheint es so, als sei das Haarers Herausstellungsmerkmal. Das Gegenteil ist der Fall. Es findet sich in Haarers Buch nichts, was nicht gÀngige Sichtweise zu der Zeit gewesen wÀre. Auch in den Nachkriegsausgaben ist das so. Die Ausgabe von 1979 hat denselben Titel, um mit der Auflagenhöhe werben zu können. Inhaltlich handelt es sich jedoch um ein komplett anderes Buch, das vergleichbar ist mit Neuerscheinungen aus derselben Zeit.

Die Folgen der Schwarzen PĂ€dagogik spĂŒren wir bis heute. Das wird auch von Anne Kratzer in ihrem Artikel gut herausgearbeitet. Sie legt nur einfach zu viel Gewicht auf die Person Johanna Haarers. 

"Nachverfolgen lĂ€sst sich der Einfluss Haarers höchstens am klinischen Einzelfall, wie bei der Patientin von Katharina Weiß. »Meistens stehen in solchen Therapien ganz andere Themen im Vordergrund. Aber nach einiger Zeit hört man dann Hinweise auf Haarer: Ekel vor dem eigenen Körper, strenge Essensregeln oder BeziehungsunfĂ€higkeit«, sagt die Psychoanalytikerin."

Das sind keine Hinweise auf Haarer. Das sind Hinweise auf eine von strengen Normen und Regeln geprĂ€gte Erziehung, bei der Körperlichkeiten und emotionale NĂ€he als SchwĂ€chen und schlecht fĂŒr die Entwicklung galten. Eine Erziehung, die ihren Ursprung hat in der westlichen Medizin, die ab einem gewissen Punkt die körperliche und geistige Gesundheit fĂŒr absolut kontrollierbar hielt, wenn das medizinische Wissen nur in exakte Regeln und in Gramm und Volumen messbare Mengen umgesetzt und haargenau befolgt wĂŒrde. 

Da sich Menschen - und insbesondere Kinder - aber nicht ohne gewisse Gegenwehr in Formeln und Grenzen pressen lassen, wuchs ĂŒber mehrere Generationen hinweg der Frust der Fachleute und der Eltern und anstatt die Regeln als unvernĂŒnftig und unpassend ĂŒber den Haufen zu werfen, wurden sie immer strenger und enger, denn dass der menschliche Verstand hinter dem BauchgefĂŒhl, den Instinken und BedĂŒrfnissen zurĂŒckstehen sollte, war fĂŒr die Krone der Schöpfung und insbesondere fĂŒr die angeblich beste "Menschenrasse" absolut inakzeptabel und einfach undenkbar.

WĂ€re es nur eine Frau Haarer gewesen, die einen Erziehungsratgeber geschrieben hatte, so könnten wir heute einfach drĂŒber lachen und ihre absurden Ideen ad acta legen. Das können wir aber nicht. Weil Haarers Buch nur ein Symptom war. Keine Ursache.

Die NS-Zeit war eine Hochzeit fĂŒr Erziehungsratgeber. Es gab sie wie Sand am Meer. Einige von ihnen - besonders die von staatlichen Stellen herausgegebenen - waren sogar noch viel schlimmer als Haarers Buch. Möglicherweise liegt darin sogar ein Teil des Erfolgs von Haarers Buch. Es wirkte im Vergleich noch liebevoll und harmlos. Dass es das nicht ist, ist uns aus heutiger Sicht klar. Doch damals stach Haarer nicht durch ihre HĂ€rte heraus. Es ist also falsch vom "nach Haarer erzogenen Kind" zu sprechen. Insbesondere wenn dieses Kind als Beispiel fĂŒr die Schwarze PĂ€dagogik dienen soll. Zum einen ist Haarer ist nur ein kleiner Teil der Schwarzen PĂ€dagogik, zum anderen waren die VorlĂ€ufer der Schwarzen PĂ€dagogik schon schlimm genug, denn sie haben durch die emotionale Distanz der Eltern zu ihren Kindern etabliert, durch die die Schwarze PĂ€dagogik erst entstehen konnte.

Nun könnte dieser Beitrag hier zu Ende sein, weil gezeigt wurde, dass die Fokussierung auf Haarer nicht nur faktisch falsch ist, sondern auch die Ausmaße des Problems und die tiefen Wurzeln der negativen Sicht aufs Kind in unserer Gesellschaft verharmlost. Doch diese Verharmlosung verhindert eine konstruktive Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit, die aber notwendig ist, um die gesellschaftliche Loslösung aus den FĂ€ngen der defizitorientierten Sicht aufs Kind hin zu einem bindungsorientierten und wahrhaft respektvollen Umgang zu bewerkstelligen.

Allein dass ein Michael Winterhoff nicht nur mit seinem unsĂ€glichen Tyrannen-Buch erfolgreich sein und durch sĂ€mtliche Talk-Shows tingeln konnte, sondern auch als Kinderpsychiater in seiner Praxis großen Schaden anrichten konnte, wie neulich durch die Dokumentation "Warum Kinder keine Tyrannen sind" (noch online bis 9.8.2022) von Nicole Rosenbach gezeigt wurde.

Wir mĂŒssen als Gesellschaft an einen Punkt kommen, an dem allein die Vorstellung, Kinder könnten sich zu Tyrannen entwickeln, wenn die Eltern zu nett zu ihnen sind, ein empörtes Abwinken auslöst. Diesen Punkt erreichen wir nicht, wenn Menschen wie Winterhoff von den Medien hofiert werden. Es muss im öffentlichen Diskurs eine klare Linie gesetzt werden, dass solche Ansichten in einer gerechten und zukunftsorientierten Gesellschaft keinen Platz haben. Wer sich intolerant gegenĂŒber Kindern und ihren BedĂŒrfnissen Ă€ußert, den muss die volle Breite von Karl Poppers Toleranz-Paradoxon treffen. Dem darf keine BĂŒhne gegeben werden. (Mehr zu Winterhoff auf kindersindkeinetyrannen.de und auf Twitter unter den Hashtags #winterhoff #wegMitWinterhoff)

Wir werden es aber nicht schaffen, diese Sicht aufs Kind als ein Mangelwesen aus der Gesellschaft zu tilgen, wenn wir die entsprechende Erziehung immer und immer wieder auf Johanna Haarer und die Nazis reduzieren. 

Diese Reduktion auf "die Haarer ist Schuld" fĂŒhrt nĂ€mlich zu dem Umkehrschluss, dass (a) wer nicht nach Haarer erzieht, kein Nazi sein könne, und (b) dass wir nur ihre Methoden offen legen mĂŒssten, und dann schon alle Welt sehen wĂŒrde, wie schlimm das ist, schließlich will ja kein anstĂ€ndiger Mensch ein Nazi sein.

Zu (a) will ich anmerken, dass heutige Nazis lĂ€ngst nicht mehr nach "Nazi-Methoden" erziehen. Die Erziehung der Nazis zielte eben noch nie darauf ab, Kinder kaputt zu machen, sondern im Gegenteil, sie - die Nachfahren und Zukunft der "Herrenrasse" - zu verbessern und elitĂ€r zu etwas Höherem zu erziehen. Nazis sind nicht doof. WĂ€re schön, wenn sie es wĂ€ren. Nazis haben begriffen, dass Bindung wichtig ist, um ihre Kinder nicht nur an sich, sondern auch an die Sache zu binden. Zudem kommen ihnen langes Stillen und eine Betonung der Mutter-Kind-Bindung sehr gelegen, um MĂŒtter wieder an den Herd zu fesseln. Dementsprechend sind sie oft der BO-Bubble unterwegs und man muss sehr aufpassen, dass man ihnen nicht auf den Leim geht.

Zu (b) muss ich sagen, dass wir Eltern, die ihre Kinder streng erziehen oder die aus Verzeiflung ein Schlaflernprogramm durchfĂŒhren, nicht um die Ohren hauen können, dass dies Nazi-Methoden seien. Das fĂŒhrt nur zu Abwehrreaktionen, die eine konstruktive Diskussion unmöglich machen. Außerdem ist es faktisch falsch, womit wir sofort unsere eigenen Argumente untergraben.

Doch der Spektrum-Artikel macht genau das. Er versucht aufzuzeigen, wodurch sich "die Erziehung nach Haarer" auszeichnete und tritt dabei in jedes verfĂŒgbare FettnĂ€pfchen.

"Haarers RatschlĂ€ge hatten einen modernen und wissenschaftlichen Anstrich, aber sie waren – was grĂ¶ĂŸtenteils schon damals bekannt war – falsch und darĂŒber hinaus sogar schĂ€dlich. Kinder brauchen Körperkontakt, doch Haarer empfahl, diesen sogar beim Tragen möglichst gering zu halten."

Haarers RatschlĂ€ge hatten einen modernen und wissenschaftlichen Anstrich, weil sie damals modern und wissenschaftlich waren. Punkt. Daraus, dass die Autorin des Artikels sich das Tragen so prominent herauspickt, schließe ich, dass sie Sigrid Chamberlains Buch "Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind - Über zwei NS-ErziehungsbĂŒcher" gelesen haben muss. Denn Sigrid Chamberlain lĂ€sst sich auch ausfĂŒhrlich ĂŒber das Tragen aus. 

Durch Chamberlains Buch ist der Name Johanna Haarer erst ins öffentliche Bewusstsein gerĂŒckt worden. Auch sie macht den Fehler, Haarer nicht als typische Vertreterin ihrer Zeit, sondern als außergewöhnlichen Einzelfall mit schwerwiegenden Folgen darzustellen. Meiner Meinung nach liegt in diesem - ansonsten sehr guten - Buch der Ursprung der PopularitĂ€t Haarers bei Journalist*innen.

Wie Chamberlain behauptet auch Frau Kratzer, dass Haarer empfahl, beim Tragen des Kindes den Körperkontakt möglichst gering zu halten und das Kind in einem Abstand zu halten, der es dem Baby schwer macht, Augenkontakt zur Mutter aufzubauen. Das ist schlicht falsch. Haarer erlĂ€utert die Trageweise lediglich durch Abbildungen. Sie Ă€ußert sich nicht zu AbstĂ€nden oder Augenkontakt. Die Abbildungen entsprechen völlig den damals sowieso ĂŒblichen Trageweisen. Die einzigen Hinweise Haarers beziehen sich auf das sichere Tragen, damit das Kind nicht runter fĂ€llt. 

Schon im Biedermeier war es ĂŒblich, Kinder ab Sitzalter mit geschlossenen Beinen auf dem Unterarm sitzend zu tragen. Der freie Arm hielt das Kind zur UnterstĂŒtzung unter der Achsel. Kleine Babys wurden in Tragkissen eingewickelt und möglichst gerade gehalten. Dass dadurch eine Distanz zwischen tragender Person und Baby geschaffen wurde, auf die das Baby das Gesicht der Tragenden nicht scharf sehen konnte, war eine Folge, aber keine Absicht. Sie dachten eh, dass Neugeborene noch kaum etwas von ihrer Umgebung mitbekommen wĂŒrden. 

Tragen nach Haarer 1938 Tragen nach Zerwer 1914.

Tragen nach Liepmann 1914/1921

"Randomisiert-kontrollierte Studien, die den Einfluss von Haarers ErziehungsratschlĂ€gen experimentell untersuchen, sind aus ethischen GrĂŒnden nicht durchfĂŒhrbar. Doch auch Forschungsarbeiten, die sich nicht expliziert mit der Erziehung im Dritten Reich befassen, lieferten wertvolle Hinweise, meint Grossmann. »Alle Daten, die wir haben, deuten auf Folgendes hin: Wenn man einem Kind in den ersten ein oder zwei Lebensjahren eine feinfĂŒhlige Ansprache vorenthalten wĂŒrde – so wie Johanna Haarer es propagiert hat –, bekĂ€me man die eingeschrĂ€nkten, emotions- und reflexionsunfĂ€higen Kinder, die wir aus der Forschung kennen.«"

Genau. Es gibt viele Erziehungsstile und viele UmstĂ€nde, unter denen Kinder so groß werden und wurden, wie unter anderem auch Haarer es propagiert hat. Es sind viele! Können wir uns bitte zur Abwechslung mal darauf konzentrieren? Nein, sobald es um schlechte Bindung und emotionale Unterentwicklung geht, fĂ€llt im öffentlichen Raum (Social Media!) der Name Johanna Haarer. Godwin‘s Law in der SĂ€uglingspflege: je mehr Aufmerksamkeit ein Tweet bekommt, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Haarer erwĂ€hnt wird. Und Artikel wie der von Anne Kratzer tragen maßgeblich dazu bei.

"»Solche Kinder, die verfĂŒhrbar sind, nicht denken und nicht fĂŒhlen, sind praktisch fĂŒr eine Kriegernation«, sagt Karl-Heinz Brisch, Psychiater und Psychotherapeut am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen."

Das ist wieder der Mythos vom Kanonenfutter. Das Ziel von NS-Erziehungsmethoden war nicht, bindungsgestörte Kinder und gefĂŒgige Soldaten heranzuzĂŒchten. Streng nach dem Motto „wer herrschen will, muss dienen lernen“ war das Ziel das Ausbilden von ĂŒberlegenen Elitemenschen. Wer sich dabei nicht behaupten konnte, wurde ausgemerzt. Der war ein Abfallprodukt. Das wurde in Kauf genommen, aber war nicht das Ziel. 

"Haarer, die als LungenfachĂ€rztin weder eine pĂ€dagogische noch eine pĂ€diatrische Ausbildung hatte, wurde von den Nationalsozialisten gezielt gefördert. Die RatschlĂ€ge aus ihrem Werk »Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind« wurden in den so genannten ReichsmĂŒtterschulungen gelehrt. Die Kurse sollten allen deutschen Frauen einheitliche Regeln zur SĂ€uglingspflege vermitteln."

Johanna Haarer war Mitglied der NSDAP und engagierte sich unter anderem innerhalb der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" im "Hilfswerk Mutter und Kind" sowie in der "MĂŒnchner MĂŒtterschule". Das Buch "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" schrieb sie auf Betreiben des Verlegers Julius Friedrich Lehmann, der ein fanatischer Nationalsozialist war.

Ich störe mich an der Formulierung "wurde von den Nationalsozialisten gezielt gefördert". Das klingt, als kĂ€me diese Förderung von obersten Stellen. Vielmehr hatte sie wohl einen findigen Verleger und wusste sich innerhalb des Systems zu positionieren und zu vermarkten. Gefördert wurden aus meiner Sicht diejenigen, deren BĂŒcher von der NSDAP herausgegeben wurden. So zum Beispiel "Der deutschen Mutter. Ein Ratgeber fĂŒr alle Fragen der werdenden Mutter, der Geburt, der Geburtshilfe und der SĂ€uglingspflege" von Hanns Sylvester StĂŒrgkh. Dies war eine Sonderschrift der Zeitschrift "Gesundes Volk", deren Herausgeber u.a. der PrĂ€sident des Reichsversicherungsamtes und der Hauptstellenleiter im Hauptamt fĂŒr Volksgesundheit der Reichsleitung der NSDAP waren.

"Aber auch nach dem Krieg wurde [Haarers Buch] – vom gröbsten Nazijargon bereinigt – bis 1987 noch einmal von fast genauso vielen Deutschen gekauft: am Ende insgesamt 1,2 Millionen Mal.
Diese Zahlen zeigen, wie viel Anklang Haarers Weltanschauung auch in der Nachkriegszeit noch fand."

Die erste Fassung nach dem Krieg war lediglich von Nazi-Referenzen bereinigt. Das stimmt. Die weiteren Auflagen jedoch waren, wie bereits erwĂ€hnt, ganz anders. Es erweckt einen völlig falschen Eindruck vom Erfolg der "Nazi-Methoden", wenn dieses ĂŒberaus wichtige Detail unter den Tisch fĂ€llt. In den 1970ern hĂ€tte sich das Buch aus den 1940ern auch ohne Nazi-Sprech nicht verkauft. Den Eltern aus dieser Generation zu unterstellen, sie hĂ€tten in einem derartigen Werk nicht den Ursprung erkennen können, und wĂ€ren ihm gefolgt, wie einst ihre eigenen Eltern, ist ĂŒberheblich und unverschĂ€mt. 

Auch wissen wir nicht, wie viele Exemplare im Endeffekt tatsĂ€chlich verkauft wurden. Die letzte Auflage wirbt mit dem Slogan "ĂŒber 1,2 Million verkaufte Exemplare". Aber das bezieht sich auf den Titel seit der Erstauflage 1934. Zudem ist gedruckt nicht dasselbe wie verkauft.

"Zudem sei eine strenge Erziehung bereits vor 1934 in Preußen gang und gĂ€be gewesen. Nur eine Kultur, die ohnehin eine gewisse Neigung zu solchen Ideen von HĂ€rte und Drill besaß, habe so etwas umsetzen können, glaubt Grossmann."

Ja! Genau! Können wir das bitte viel, viel stÀrker betonen?

"Dazu wĂŒrden auch die Befunde von Studien aus den 1970er Jahren passen, die beispielsweise darauf hindeuten, dass im norddeutschen Bielefeld damals etwa jedes zweite Kind ein unsicheres Bindungsverhalten aufwies, im sĂŒddeutschen Regensburg, das nie zum preußischen Einflussgebiet gehört hat, hingegen nicht einmal jedes dritte."

Auch diese Aussage deutet darauf hin, dass Haarers Einfluss ĂŒberbewertet ist. Denn in einem faschistischen Regime, das die Erziehung im ganzen Land gleichschaltet, wĂ€re zu erwarten, dass die Folgen auch im ganzen Land gleichmĂ€ĂŸig zu beobachten wĂ€ren. Sind sie das nicht, mĂŒssen andere Faktoren eine gewichtigere Rolle spielen. Hier ist es die preußische Erziehung. 

Diese ist es, gegen die wir noch heute ankĂ€mpfen. Über 5-6 Generationen lang hat sie ihre Wurzeln ausgetrieben. Sie ist tiefer verankert in unserer Gesellschaft, als es ein einziger, noch so sehr gepushter Erziehungsratgeber jemals könnte. Also bitte, bitte, bitte hört auf, Johanna Haarer immer wieder in den Fokus zu rĂŒcken. Das lenkt von den eigentlichen Problemen nur ab.

Es ist schade um den Artikel von Anne Kratzer. Sie zeigt wirklich sehr gut die Folgen einer defizitorientierten Erziehung auf. Aber wegen der Fokussierung auf Johanna Haarer wĂŒnschte ich, dass der Artikel nicht mehr geteilt wĂŒrde. Zu oft ist er schon als Augenöffner auf Social Media prĂ€sentiert worden. Die Leser*innen meinen nach der LektĂŒre genau zu wissen, wo all unsere Probleme her kommen: von Johanna Haarer!

Ich hoffe, ich konnte verdeutlichen, warum das nicht nur haltlos und irrefĂŒhrend, sondern auch kontraproduktiv fĂŒr die Aufarbeitung und den Diskurs ist. Denn dahinter steckt so viel #mehrAlsHaarer.

Der Spektrum-Link wird weiter geteilt werden. Der Artikel ist nicht der erste seiner Art und wird nicht der letzte sein. Aber wenn dir ein solcher das nĂ€chste Mal in die Timeline gespĂŒlt wird, oder wenn jemand die Haarer erwĂ€hnt, dann antworte doch mit #mehrAlsHaarer und dem Link zu diesem Beitrag. Das wĂ€re ein guter Anfang, um den Haarer-Mythos zu korrigieren.

Der Säuglingspflege-Blog braucht Dich!

Unterstütze ihn jetzt auf

oder

Wissenswertes und Kurioses aus der Geschichte der Säuglingspflege.