Stillen und die Belagerung von Paris 1870/71

Besonders beliebte Zitate poste ich in unregelmäßigen Abständen gerne wieder und wieder auf den Social Media. Einige von Euch kennen daher schon das folgende Zitat. Auch im Blog könnt Ihr es finden.

Während der Belagerung von Paris im Jahre 1870/71 waren die Frauen wegen Mangels an Kuhmilch gezwungen, ihre Kinder selbst zu ernähren. Die Folge war, daß trotz der sehr ungünstigen sonstigen Verhältnisse die Säuglingssterblichkeit von 33% auf 17% sank.

Die sozialen Ursachen der Säuglingssterblichkeit, Gustav Temme, 1908

Letzte Woche gab ich Euch eine weitere Variante dieser Anekdote.

Während der Belagerung von Paris 1870 bis 1871 starben in dieser Weltstadt weniger kleine Kinder als vor derselben und zwar nur 17% gegenüber 33%, weil die Mütter gezwungen waren, aus Mangel an Surrogaten ihre Kinder selbst zu stillen.

Wie ernährt man ein Neugebornes Kind?, Unentbehrlicher Wegweiser für Mütter aller Stände, welche gezwungen sind, ihre Kinder ohne Muttermilch großzuziehen, Dr. med. Hermann Albrecht, Bern, 1879

Doch nicht nur bei mir und Euch ist diese Story beliebt. Ab ca. 1874 wird sie gerne als Beweis für die Wichtigkeit des Stillens für die Gesundheit der Säuglinge angeführt.

Nach Devillier’s Angaben starben in Paris während der Belagerung 1870/71, wo die Mütter ihre Kinder selbst zu säugen gezwungen waren, 17%, während sonst deren Sterblichkeit 33% beträgt. Und von den Kindern, die, wie es in Frankreich üblich ist, auf das Land gegeben werden, sterben bei Aufpäppelung 71%.

Untersuchungen über die Kindersterblichkeit, Dr. A. Wolff, Erfurt, 1874

So beeindruckend dieses Beispiel auch ist, so wirft es doch zwei wichtige Fragen auf. Zuerst einmal: wie konnten diese Mütter stillen?

Klar, wer während der Belagerung ein Baby gebar, konnte mit dem Stillen beginnen. Doch damit die Säuglingssterblichkeit dermaßen drastisch sinken konnte, müssen auch ältere Säuglinge gestillt worden sein. Zu Relaktieren - also die Milchbildung nach dem Abstillen wieder anzuregen - ist zwar nicht unmöglich, aber sehr schwierig. Besonders schwierig ist es, wenn direkt nach der Geburt abgestillt wurde. Das war aber zu dieser Zeit in Paris üblich. Ob die Mutter selbst stillen würde oder nicht, wurde bereits vor der Geburt entschieden. 

Die nächste Frage, die sich aufdrängt, ist: wo waren die Kinder?

Ein Großteil der Kinder, die nicht von der eigenen Mutter gestillt wurden, wurde zu Pflegefamilien und Ammen auf Land geschickt. Die Belagerung der Stadt konnte auf ihre Ernährung also gar keinen Einfluss haben.

Irgendetwas stimmt doch hier nicht!

Was sagte denn dieser von Dr. Wolff erwähnte Devilliers genau?

Nach den neuesten Untersuchungen erliegen in Frankreich während des ersten Lebensjahres 17,5 Proc. der Geborenen. Von 1840 bis 1854 betrug das Mittel der Sterblichkeit nur 16 Procent. Dass diese Sterbeziffer nicht natürlich und nothwendig sei, wie Einige glauben, beweisen die Nachforschungen des M. Devilliers, dass bei der Landbevölkerung in einem Theile des Rhonedepartements nur 5 Proc. sterben, während die Sterblichkeit in einigen Departements (Untere-Loire-Departement) auf 75,80 und sogar 90 Proc. steigt. (...)

Man kann es nie zu oft wiederholen, dass die Abnahme des Familiengeistes, das Entziehen der mütterlichen Nahrung und damit die Kostgeberindustrie es sind, welchen man die zahlreichen Todesfälle zuzuschreiben hat. Verschiedene Ursachen machen es allerdings der Mutter unmöglich, das Kind selbst zu säugen; sie nimmt daher ihre Zuflucht zu Ammen und man muss sagen, die Ammen im Hause selber sind manchmal besser, als untaugliche Mütter; wenigstens ist die Zahl der Todesfälle solcher Kinder, welche von Hausammen gestillt werden, nicht grösser, als die Sterbezahl der von den eigenen Müttern genährten. Ganz anders ist es aber mit den Kindern, welche auf das Land gegeben und dort genährt werden. Doch ist auch bei den Ammen im Hause nicht zu übersehen, dass gewöhnlich ihre eigenen Kinder zu Grunde gehen, während sie fremde säugen. - Während der Belagerung von Paris 1870 bis 1871, wo keine Kostmütter aus der Provinz nach Paris kommen konnten, säugten alle Frauen ihre Kinder selbst, und so kam es, dass in einem Bezirke unter 290 Geburten die Zahl der Sterbefälle von einem Tage bis zu einem Jahre sich auf 54, d. i. 17 Proc. belief, während sonst die Mittelzahl auf 33 Proc. steigt.

Deutsche Vierteljahrschrift für öffentliche Gesundheitspflege, 5. Band, Braunschweig, 1873

Es waren also gar nicht die Kinder in Paris, deren Sterblichkeit sank! Es waren die Kinder der Frauen, die ansonsten als Ammen nach Paris gegangen wären.

Ist vielleicht die Passage "Während der Belagerung von Paris 1870 bis 1871, wo keine Kostmütter aus der Provinz nach Paris kommen konnten, säugten alle Frauen ihre Kinder selbst" einfach in der Folge falsch interpretiert und wiedergegeben worden? Die Frauen, von denen hier die Rede ist, sind die verhinderten Ammen, nicht die Mütter in Paris. Die Formulierung ist falsch. Es müsste heißen: "säugten alle Frauen ihre eigenen Kinder".

Keineswegs waren "die Mütter gezwungen, ihre Kinder selbst zu stillen", wie Gustav Temme schrieb. Vielmehr waren die Mütter in der Lage, ihre eigenen statt fremder Kinder zu stillen

Zudem stammen die Zahlen von der Belagerung nicht mal von diesem M. Devilliers (wer auch immer das gewesen sein mag - ich konnte es noch nicht herausfinden). Vernünftige Quellenangaben sind schon was Feines. Leider waren die Autoren des 19. Jahrhunderts damit sehr sparsam. Eine habe ich jedoch für diesen Fall gefunden.

Nach Monot22) betrug im Arrondissement Chateau Chinon, in dem eine ausgedehnte Ammenindustrie herrscht, die Säuglingssterblichkeit in einem zwölfjährigen Durchschnitt (1858-1869) 33% der Geburten, während der Belagerung von Paris, wo die Ammen zu Hause bleiben mussten und ihre Kinder selbst stillten, nur 17%; von den aus Paris heraus in jenes Arrondissement während der 12 Jahre geschickten und daselbst zur Pflege gegebenen Kindern, welche alle künstlich aufgefüttert und nicht überwacht wurden, starben 71% im ersten Lebensjahre, bei den vom Departement de la Seine unterhaltenen, aber jährlich einer dreimaligen Controle unterworfenen Kindern nur 26 pro Mille und bei unter dauernder Ueberwachung stehenden Kindern des Kinderschutzvereines sogar nur 12 pro Mille.

22) Monot De la mortalité excessive des enfants, Paris 1874

Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde, Band 10, Prof. Dr. Albert Eulenburg (Hrsg.), 1887

Es bestätigt sich die Vermutung, dass es nicht die Mütter in Paris waren, die plötzlich wieder ihre eigenen Kinder stillten. Vielmehr waren es diejenigen Mütter aus einem Vorort, die nun nicht als Ammen arbeiten mussten.

Hier das Original: De la mortalité excessive des enfants, Charles Monot (1830-1914), Paris 1874

S. 21f

Il paraitait du reste que la mortalité des enfants confiés à des nourrices sur lieu serait peu différente de celle es enfants nourris par leur propre mère.

Pourquoi, hélas! ne pouvons-nous en dire autant des enfants emportés et nourris dans les campagnes! Pourquoi ne pouvons-nous en dire autant des enfants des nourrices sur lieu qui sont abandonnés dans les campagnes à des mains étrangères, sevrés prématurément, alimentés d’une façon défectueuse, aprés avoir fait une, deaux et même jusqu’à trois fois le voyage de Paris!

Nous habitons un canton ou l’industrie nourricière s’exerce avec frenésie, qu’on nous pardonne cette expression, mais nous l’employons parce que nous n’en trouvons pas d’autre qui dépigne mieux la situation; eh bien, nous avous voulu savoir quelle était la mortalité de enfants des nourrices sur lieu, et voici ce que nous avons constaté: de 1858 à 1869, c’est-à-dire en l’espace de 12 ans, le nombre des accouchementr s’est élevé à 3950, le nombre des femmes qui sont allées nourrir sur lieu à 2710, le nombre des enfants morts à 779 ou 33 pour 100, et cela dans un laps de temps qui a varié entre 8 jours et 3 mois après leur retour de Paris.

S.24f

Souvenez-vous qu’en Écosse où l’industrie nouricière est inconnue, où toutes les mères nourissent leur enfants, la mortalité n’est que de 11 pour 100.

Le fait qui e’est passé pendant la dernière guerre que nous venons d’éprouver, met hors de doute que l’allaitement maternel est le vrai remède à opposer à la mortalité due premier âge. En effet, pendant les dix derniers mois de l’année 1870 et les six premiers de 1871, alors que Paris fut investi à deux reprises différentes et qu’il devint impossible aux nourrices de province de se rendre dans la capitale, toutes allaitaient leurs enfant, et voici les modifications qui survinrent dans le chiffre de la mortalité.

Le chiffre des naissances, dans mon canton, s’éleva à 290, celui des décès des enfants de 1 jour à 1 an, à 54, ce qui donne une moyenne de 17 p. 100. Or nous savons que le chiffre de la mortalité des enfants des femmes qui nourrissent à Paris est de 33 p. 100; le jour où il ne leur a plus été permis d’émigrer, de faire voyager leurs enfants, de les sevrer subitement et prématurément, nous avons vu la mortalité. - Ce résultat dispense de tout commentaire, il est l’argument le plus éloquent qu’on puisse invoquer en faveur de l’allaitement maternel.

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