Die Erfindung von Pulvermilch war kein Akt der NĂ€chstenliebe

Falls Du glaubst, dass Muttermilchersatzpulver erfunden wurde, um arme Babys zu retten, deren MĂŒtter gestorben waren oder körperlich nicht in der Lage waren zu stillen, dann muss ich Dich enttĂ€uschen.

Der erste Menschenmilch-Ersatz in Pulverform wurde 1865 von Justus von Liebig erfunden, als dieser Professor fĂŒr Chemie an der UniversitĂ€t MĂŒnchen war. Dank Liebigs guten Rufes wurde die "Liebig'sche Suppe" bald sehr beliebt. Das Pulver wurde in kaltem Wasser gelöst und dann gekocht. Da das Rezept kein Geheimnis war und keinem Patent unterlag, konnte es in jeder Apotheke bestellt oder zuhause hergestellt werden. Die Hauptzutaten waren Weizenmehl, Malz und Pottasche.

Schon bald kam eine Vielzahl an Variationen der Liebig'schen Suppe auf den Markt. Sie wurden als "Kindermehl" bezeichnet und als erste Beikost vermarktet. Je nach Zubereitung konnten sie als Milchersatz oder Brei verfĂŒttert werden. Kindermehle waren nicht fĂŒr Kinder unter drei Monaten bestimmt.

Die meisten Firmen, die Kindermehl herstellten, sind lange in Vergessenheit geraten; auch wenn einige sehr erfolgreich gewesen waren. Hersteller wie Timpe, Liebe, Wiedemann, Loeslund, Opel, und Kufeke bewarben ihre Produkte als NahrungergĂ€nzungsmittel. WĂ€hrend sie primĂ€r als Beikost verkauft wurden, wurden sie auch als Heilnahrung fĂŒr Kranke jeden Alters angepriesen.

Schon 1868 begann der Apotheker, Erfinder und Unternehmer Henri Nestlé (1814-1890), seine eigene Version der Pulvermilch zu verkaufen. Der Hauptunterschied zur Liebig'schen Suppe war, dass NestlĂ© seinem Kindermehl kondensierte Kuhmilch hinzufĂŒgte. NestlĂ© testete sein Produkt als Alleinnahrungsmittel fĂŒr Neugeborene, indem er zwei Babys zur Pflege aufnahm. Eines dieser Babys war angeblich ein FrĂŒhchen, dass er vor dem Verhungern rettete. Diese Geschichte hat er jedenfalls zur Vermarktung seines Kindermehls als vollstĂ€ndige Nahrung fĂŒr Babys genutzt und es explizit als "Muttermilchersatz" bezeichnet.

Dadurch wurde das Nestlé'sche Kindermehl zum Verkaufsschlager. Bereits 1872 wurde es weltweit verkauft. Als Henri Nestlé seine Firma 1875 verkaufte und sich zur Ruhe setzte, war er ein reicher Mann.

An diesem Punkt mĂŒssen wir uns fragen, wie es sein konnte, dass ein Produkt, das angeblich als Lebensretter fĂŒr nicht gestillte Babys erfunden wurde, einen so großen Markt hatte, dass es dutzende von Herstellern gab, von denen einige in sehr kurzer Zeit sehr reich wurden. Die Vorstellung, der viele Menschen heutzutage anhĂ€ngen, dass in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts nur solche Babys nicht gestillt wurden, deren Mutter verstorben war oder nicht genug Milch hatte, ergibt keinen Sinn.

Schauen wir uns zur KlĂ€rung dieser Frage einige Zahlen und Beispiele an. Im Jahr 1871 gab es in ganz Bayern 1236 TodesfĂ€lle, die in Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt oder Wochenbett standen; 1875 waren es 1659; 1880 waren es 1139 laut dem Bayerisches Ärzteblatt. Das sind 6-8 TodesfĂ€lle pro 1.000 Geburten, andere LĂ€nder hatten Ă€hnliche Quoten. Das ist aus heutiger Sicht viel, aber es ist nicht genug, um einen derartig großen Bedarf an Pulvermilch zu erzeugen und große Gewinne einzufahren.

Bedeutet das, dass eine große Anzahl an MĂŒttern unfĂ€hig war zu stillen? Körperlich - nein. Selbst die pessimistischsten SchĂ€tzungen gehen davon aus, dass höchstens 5% aller MĂŒtter stillunfĂ€hig sind, die meisten Quellen gehen von 2-3% aus. Wir können uns hier nur auf SchĂ€tzungen berufen, da es unmöglich ist zu bestimmen, ob eine Person ganz, ganz wirklich und ehrlich tatsĂ€chlich nicht stillen konnte. Eine solche Beurteilung ist außerdem entwĂŒrdigend und erniedrigend.

Was wir aber mit Sicherheit feststellen können, ist das MĂŒtter einfach nicht gestillt haben. Ob gestillt wurde oder nicht, war eine Frage des Standes und der regionalen Gepflogenheiten. Die oberen StĂ€nde hatten Ammen, welche bis kurz nach der Jahrhundertwende vollstĂ€ndig durch teure Pulvermilch ersetzt wurden. Die mittleren Schichten in den StĂ€dten stillten in der Regel bis das Nichtstillen als Zeichen von Wohlstand angestrebt wurde. 1883 kostete NestlĂ©s Kindermehl 1,35 Mark pro 550 g-Dose und galt damit als teuer(1). Heute wĂ€ren das 9,86 Euro (Quelle). Stillquoten in Berlin sanken drastisch von 50.7% im Jahr 1890, ĂŒber 43.1% 1895, bis 32.5% im Jahr 1900(2), wĂ€hrend in MĂŒnchen bereits 1883 nur 15% aller Babys gestillt wurden(1).

FĂŒr Arbeiter*innen waren die Arbeitsbedingungen wĂ€hrend der Industrialisierung so schlecht, dass sie ihre Kinder bei anderen Familienmitgliedern oder Fremden lassen mussten. Sie konnten nicht stillen, weil sie viele Stunden pro Tag nicht bei ihren Kindern sein konnten. Unverheiratete DienstmĂ€dge gaben ihre Kinder schon bald nach der Geburt in Pflege.

Ein Großteil der Bevölkerung waren jedoch BĂ€uer*innen. WĂ€hrend diese in LĂ€ndern wie Sachsen oder Preußen ihre Kinder mit aufs Feld nahmen - in Körben oder Tragehilfen -, ließen sie sie in Bayern oder der Schweiz zuhause bei den Großeltern oder anderen Haushaltsmitgliedern. Die zwei HauptgrĂŒnde dafĂŒr waren die Landschaft und das jeweilige Erbrecht.

Ein Baby jeden Tag die Berge hoch und runter zu schleppen - vor allem in einem Korb oder Steckkissen - macht nicht sonderlich viel Spaß. Wer kann, lĂ€sst das sein. Wenn noch dazu eine Aufsichtsperson nur fĂŒr die Kinder mitkommen mĂŒsste, die sich dadurch nicht an der Feld- oder Vieharbeit beteiligen kann, ziehen die Eltern es vor, die Kinder und die Aufsichtsperson gleich ganz zuhause zu lassen.

In weiten Teilen Sachsens erbte meist der jĂŒngste Sohn den Hof ("Minorat" oder "Ultimogenitur"); manchmal die jĂŒngste Tochter, wenn sie keine (ĂŒberlebenden) BrĂŒder hatte oder diese schon auf einen anderen Hof geheiratet hatten. Mit der Heirat ĂŒbernahm das Ehepaar den Hof der Eltern und stand somit auf eigenen FĂŒĂŸen; konnte eigene Entscheidungen treffen. 

In Bayern und Preußen hingegen erbte der Ă€lteste Sohn den Bauernhof ("Majorat" oder "Primogenitur"). Wenn er bereit war zu heiraten, waren seine Eltern noch lange nicht so weit, aufs Altenteil zu gehen. In Bayern galt lange Zeit ein Ehe- und AnsĂ€ssigkeitsgesetz, das es Paaren nur erlaubte zu heiraten, wenn sie ein eigenes Einkommen hatten. Im Falle von Bauerskindern hieß das, sie mussten einen Hof erben. So kam es, dass viele Paare ĂŒber Jahre unverheiratet blieben, aber schon eine Familie grĂŒndeten. Die Frau lebte entweder bei ihren Eltern oder bei den Schwiegereltern. Wo die Paare heiraten durften, lebten sie auf dem Hof, den sie spĂ€ter einmal erben wĂŒrden. Jedenfalls entschieden nicht die jungen MĂŒtter, ob sie stillten oder nicht. Ihre Arbeitskraft war den (Schwieger-)Eltern wichtiger als ihre Milch. 

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Stillen in diesen Landen argwöhnisch betrachtet. MĂŒtter hielten es fĂŒr unter ihrer WĂŒrde zu stillen. Milch geben die Tiere! Der Mensch ist was besseres! Sie fĂŒtterten ihre Babys mit verdĂŒnnter Kuhmilch, Ziegenmilch, Getreideschleim und einer Reihe weiterer selbstgemachter Mixturen. Die Folgen fĂŒr die Gesundheit der Kinder waren schwerwiegend und schlugen sich deutlich in den Sterberaten nieder. Die folgende Tabelle zeigt die TodesfĂ€lle von Kindern im ersten Lebensjahr Anfang der 1880er(1).

Genf 12.5 %
London 17 %
Paris 17.5 %
Preußen 18 %
Sachsen 18.1 %
Berlin 24 %
Frankfurt/Main 24 %
Bayern 31.54-33.48 %
WĂŒrttemberg  31.2-40.8 %
sĂŒdliche Teile WĂŒrttembergs 49.9 %
Niederbayern 50 %

Diese Sterberaten waren zu recht alamierend fĂŒr Ärzte. Sie versuchten energisch, MĂŒtter zum Stillen zu bringen. Ihre Methoden waren jedoch arrogant und wenig hilfreich. Sie bauten auf Befehlstöne und mĂŒtterliche Pflichten. Es wurde ein regelrechter Druck erzeugt, indem den MĂŒttern vorgeworfen wurde, dass sie das Stillen nicht ernst genug versuchten und sich nicht an die von den Ärzten vorgegebenen Stillregeln hielten. Die MĂŒtter seien also selber Schuld, wenn das Stillen nicht funktionierte. Dem Kind die Brust "vorzuenthalten" wurde als egoistisch und ignorant dargestellt.

Vielleicht hĂ€tten sie sich weniger GrĂŒnde ausdenken sollen, warum manche Frauen nicht stillten, und sich lieber darauf konzentieren sollen, warum andere Frauen es taten. Dann wĂ€ren sie vielleicht in der Lage gewesen, dies gĂŒnstigen Konditionen fĂŒr andere Familien zu reproduzieren. Aber in einer streng hierachischen und patriarchalen Gesellschaft wĂ€re das wohl zu viel verlangt! Das Patriarchat will Frauen nicht aufbauen und unterstĂŒtzen. Es will ihnen nur sagen, was sie zu tun haben.

Das ist die Situation, die von Liebig und NestlĂ© in den 1860ern vorfanden. Nur eine kleine Zahl an Frauen in ihrer Umgebung stillten ĂŒberhaupt. Von Liebig akzeptierte dies und versuchte einen Ersatz zu kreieren, der besser war als das, was die nicht gestillten Babys sonst so bekamen. Dies war jedoch nur ein kleiner Teil seiner Forschungsarbeit und er ĂŒberließ es anderen, das Produkt weiter zu entwickeln. KinderĂ€rzt*innen warnten bis weit in die 1920er davor, jegliches Kindermehl als Menschenmilchersatz zu verwenden. Es mag besser gewesen sein, als Kuhmilch und so weiter zu verwenden, aber es war noch immer ein angemessenes Alleinnahrungsmittel fĂŒr Babys. FĂŒr manch ein Baby mag es ein Lebensretter gewesen sein, aber der ultimative Lebensretter war noch immer das Stillen - neben besser Hygiene und Fortschritten in der Medizin. Grundlegende Inhaltsstoffe wie Vitamine fehlten der Pulvermilch noch bis in die 1980er.

Henri NestlĂ© jedoch war kein Wissenschaftler wie von Liebig. Er war Erfinder und Unternehmer. WĂ€hrend er sicherlich wollte, dass auch ungestillte Kinder gesund blieben, so wollte er doch in erster Linie deshalb ein Ersatz-Produkt herstellen, weil er dafĂŒr einen großen Markt sah.

(1) Das Buch von der gesunden und kranken Frau, Dr. med. Ernst Kormann, 1883
(2) Die sozialen Ursachen der SÀuglingssterblichkeit, Gustav Temme, 1908

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