Der Schnuller

Kann ja nicht wahr sein! In zehn Jahren SĂ€uglingspflege-Blog habe ich noch nichts ĂŒber Schnuller geschrieben? Na, dann wird es aber höchste Zeit. Lassen wir Dr. Friedrich Böhm erstmal erklĂ€ren, was ein Schnuller ĂŒberhaupt ist.

"Den grĂ¶ĂŸten Unfug, der besonders auf dem Lande noch hĂ€ufig vorkommt und dazu angetan erscheint, die Gesundheit des SĂ€uglings empfindlich zu schĂ€digen, bildet das Darreichen des sogenannten "Schnullers."
MĂŒtter, die zu bequem sind, beim Schreien des Kindes nach der Ursache zu forschen, helfen sich oft damit, daß sie dem SĂ€ugling einen dicken Schnuller, in welchem in der Regel Semmelmehl und Zucker eingebunden sind, in den Mund stecken und so denselben zustopfen.
Diese Unsitte ist höchst schÀdlich. Der Zucker setzt sich im Körper zum Teil in MilchsÀure um, und diese besitzt die FÀhigkeit, dem Knochen Kalksalze zu entziehen. (...)
Will man den Kindern etwas in der Zwischenzeit in den Mund geben, so ist immer noch der Gummischnuller, der aber keine Öffnung vorn haben darf und ĂŒber einem Stöpsel festgezogen ist, vorzuziehen! (...) Ein gut gepflegtes und ernĂ€hrtes Kind braucht ĂŒberhaupt keinen solchen Zeitvertreib!"
Das Kind im ersten Lebensjahre - dessen Pflege und Krankheiten, Dr. Friedrich Böhm, 6. Auflage, 1904

Klar, MĂŒtter geben Schnuller, weil sie zu faul sind, sich anstĂ€ndig um ihre Kinder zu kĂŒmmern. NatĂŒrlich. Der Schnuller wird den Kindern auch nur als Zeitvertreib gegeben. SaugbedĂŒrfnis? Ein Fremdwort.

Schnuller gibt es schon ewig. Von Philipp Biedert erfahren wir, dass es sowohl im Mittelalter als auch in der Neuzeit durchaus Ärzte gab, die fĂŒr den Schnuller waren.

"SchlĂ€ft das Kind wie gewöhnlich an der Brust ein, so wird es entfernt; das Auswaschen des Mundes nach jedem Trinken gehört wegen dieses Einschlafens zu den Gesetzen, die nicht gehalten werden. Das aber kann man verlangen, dass wenigstens mehrmals am Tag der Mund des Kindes mit einem nassen LĂ€ppchen gut gereinigt werde. Daran schliesst sich die Forderung, dass der Mund nicht kĂŒnstlich verunreinigt werde durch sog. Schnuller, Schlutzer oder Strutzel. Zwar grĂŒndet sich die erste Anwendung derselben auf Ă€rztliche AutoritĂ€t, indem Metlinger (12) und dann Rösslin (10), wenn auch nur fĂŒr die Zeit des Entwöhnens, riethen, ein „Zepflin mit Brod und Zucker“ dem Kind in den Mund zu stecken; noch ein neuerer Autor, Vogel (123), bricht eine Lanze fĂŒr seine UnschĂ€dlichkeit, „falls er stets frisch gemacht werde“, und fĂŒr seine Nothwendigkeit bei armen Leuten, welche sich damit die nöthige Ruhe nach den Anstrengungen des Tages verschaffen. Es scheint aber sicher, dass die meisten Schnuller alt und schmutzig werden, SĂ€ure und Pilze in den Mund einfĂŒhren, ich habe Kinder gesehen, denen sie sogar die ZĂ€hne völlig weggeschliffen haben; andererseits scheint mir bei einer vernĂŒnftigen ErnĂ€hrung und Gewöhnung des Kindes ein aussergewöhnliches Beruhigungsmittel nicht nothwendig. Darum, weil ich jene will und dem Schmutz keinen Vorschub leisten mag, schliesse ich mich denen an, welche den Schlutzer unbedingt verwerfen."
(12) 1473. Metlinger, Barth., Ein Regiment der jungen Kinder, Augsburg (Strassburg 1510 u 150, hier Mötlinger genannt)
(15) 1522. Rösslin, Euchar., Der Swangern Frawen und Hebammen Rosengarten. Strassburg (1528, Augsb. bei Hein. Steiner)
(123) 1877. Vogel, Lehrbuch der Kinderkrankheiten. Erlangen u. Stuttgart
Die KinderernÀhrung um SÀuglingsalter, Philipp Biedert, 1880, S.159f

Die meisten Ärzte waren jedoch gegen den Schnuller - aus den bereits genannten GrĂŒnden. Die mit Lebensmitteln gefĂŒllten TĂŒcher waren in vielerlei Hinsicht ungesund. Da waren moderne Schnuller aus Kautschuk tatsĂ€chlich ein großer Fortschritt.

"Der Zulp oder Schnuller, in SĂŒddeutschland fast allgemein in Gebrauch, wird nicht mit Unrecht von den meisten Aerzten aus der Kinderstube ganz verbannt. Gewöhnlich wird er aus gestossenem Zwieback oder Semmel mit Kuhmilch bereitet, der Brei in einen leinenen Lappen gebracht und zugebunden. Dem Kinde in den Mund gesteckt, soll er sein Schreien etc. beruhigen. Die Gefahr besteht aber darin, dass der Inhalt sehr leicht in saure GĂ€hrung ĂŒbergeht und durch den verschluckten Speichel die Verdauung stört und die Pilzbildung auf der Mucosa des Mundes befördert, die oft ein trauriges Ende nimmt. Er erzeugt fermentĂ€hnliche Wirkungen im Munde; in Familien, wo sich derselbe gar nicht beseitigen lassen sollte, kann man als Ersatz ein KautschuckhĂŒtchen, das diese schĂ€dlichen Wirkungen nicht Ă€ussert, geben. Die Kinder verhalten sich auch dabei ruhig."
Über die ErnĂ€hrung der Neugeborenen, Inaugural-Dissertation, Jul Erhard, 1877

Die folgende Anekdote lĂ€sst vermuten, dass es gar nicht so unĂŒblich war, dass Eltern ihre Kinder mit dem Schnuller unbeaufsichtigt ließen, was voe allem die Gefahr des Erstickens mit sich brachte. Die geschilderte Begebenheit dĂŒrfte jedoch eine Ausnahme gewesen sein ...

"Ein Kind kommt durch einen Zulp in Gefahr von einer Katze erdrosselt zu werden.
Vor noch nicht allzulanger Zeit, legte eine Frau ihren kleinen SĂ€ugling mit einem Zulp im Mund in die Wiege und gieng auf den Wochenmarkt. WĂ€hrend ihrer Abwesenheit fieng das Kind wacker an zu zulpen, verursachte aber dabei mit den Lippen und der Zunge einen Laut, wodurch die junge Katze, die nicht weit entfernt lag, eine Maus vermuthete. Kaum hatte die Katze den Ort, wo das GerĂ€usch herkam und den Zulp des Kindes bemerkt, so springt sie in die Wiege, haut sich in den Hals des Kindes ein, und ist bemĂŒht den Zulp zu zerbeißen. Zum GlĂŒck hört die neben an wohnende Nachbarin das Stöhnen des Kindes, und befreit solches durch schnelle Herbeirufung eines Arztes vom Tod."
M. Geyer
Museum des Wundervollen, 7. Band, 1807

Da MĂŒtter sich aber nun nicht den Gebrauch des Schnullers von den Ärzten verbieten ließen, gab Christian August Struve wenigstens ein paar Sciherheitstipps. Bemerkenswert ist hier, dass der Lappen wohl auch genutzt wurde, um den kleinen Kindern Wasser zu trinken zu geben.

"Leider hat man, in vielen Gegenden Teutschlands diese abscheuliche Gewohnheit nicht abgelegt, und die WĂ€rterinnen glauben durchaus nicht ohne Zulp das Kind aufziehen zu können. Alles Zureden des Arztes heilt sie nicht von ihrer Unvernunft. Nun so bitte ich alle MĂŒtter, und alle die sich mit der Pflege der Kinder beschĂ€ftigen, wenigstens den Sauglappen dem Kind nicht lĂ€nger als die ersten acht Wochen zu laßen, oder besser, ihn ĂŒberhaupt nur dann zu geben, wenn es trinkt, denn manche WĂ€rterinnen glauben, sie könnten dem Kinde nicht wohl zu trinken geben, ohne Sauglappen, weil es sich sonst verschluckt; (freilich wenn man ihm aus einem weiten GefĂ€ĂŸe zu trinken giebt, aber wenn man ihm aus einem Glase mit langen Halse zu trinken giebt, darf man das nicht befĂŒrchten); ferner die LĂ€pchen gut auszuwaschen, und niemals das Brod, Zwieback oder Semmel, womit man ihn fĂŒllt, zu lange darinn zu laßen, wenn es das Kind nicht in einigen Stunden aussaugt, wieder frisches zu nehmen, damit die Speise nicht sauer wird; endlich darf der Sauglappen nicht zu oft eingetaucht werden, denn mit dem Wasser zieht das Kind zugleich eine Menge Luft ein, welche ihm BlĂ€hungen und Leibschmerzen verursacht."
Ueber die Erziehung und Behandlung der Kinder in den ersten Lebensjaren, Christian August Struve, 1798

Der folgende Text legt nahe, dass es vor allem nicht-gestillte Kinder waren, die einen Schnuller bekamen. Das liegt durchaus im Rahmen des Möglichen. Regionale Unterschiede dĂŒrften auch mal wieder eine Rolle gespielt haben. Womit der Autor aber völlig daneben liegt, ist, dass das Gewöhnen an einen Schnuller das spĂ€tere Rauchen nach sich ziehe. Vielmehr wissen wir heute, dass ein nicht gestilltes SaugbedĂŒrfnis einen EInfluss auf spĂ€teres orales Suchtverhalten haben kann. Indirekt wird in dem Text auch eine SaugprĂ€ferenz (oder "Saugverwirrung") erwĂ€hnt.

"Bei der kĂŒnstlichen AuffĂŒtterung spielt das Zuckerbeutelchen, der Suzel, Zulp, Schnuller eine wichtige Rolle.
Man hĂ€lt es fĂŒr unausfĂŒhrbar, ein Kind ohne denselben aufzuziehen. Dieß ist ein großes UnglĂŒck und die Quelle vieler Leiden! Ich gebe zu, daß es leichter ist, gegen den Zulp zu schreiben, als mit einem nach Nahrung lechzenden WĂŒrmchen Tag und Nacht herumzutĂ€nzeln. Ich weiß, daß ein Wasserkind viel schreit, weil es viel zu leiden hat, daß dieses Geschrei das Herz angreift, obleich es dem Kinde nicht immer schadet, ja bis zu einem gewissen Grade zur Uebung, StĂ€rkung und Entwicklung der Athemwerkzeuge beitrĂ€gt. Ich weiß endlich, daß, wer einmal auf einem Abwege ist, und ein solcher ist ja die kĂŒnstliche AuffĂŒtterung, immer weiter vom rechten Wege abkommt. - Wenn nun das Kind immerfort schreit, wenn es bald links, bald rechts schnappt, das FĂ€ustchen in den Mund steckt, und man sich gar nicht mehr zu helfen weiß, ist es am Ende da nicht verzeihlich, wenn man froh ist, das Kind auf eine so unschuldige Weise zur Ruhe bringen zu können. Das aufhördende Schreien ist aber noch keine Ruhe, und der Suzel ist kein unschuldiges BesĂ€nftigungsmittel. So wenig, wie Jemand, der eine Cigarre schmaucht, ruhig ist, da Lippen, Gesichtsmuskeln, Luftwege, Lunge und die Schlingorgane dabei thĂ€tig sind; eben so wenig ist ein Kind ruhig, das den Zulp im Munde hat. Er schlĂ€ft nicht und es saugt immer gieriger an dem unseligen Lappen. 
Ein Kind, das wegen irgend eines Unbehagens, oder aus BedĂŒrfniß schreit, wird leicht zu beruhigen sein, wenn man ihm ein Löffelchen Wasser oder wenn es schon grĂ¶ĂŸer ist, ein in Wasser getunktes Brodrindchen gibt. In all den FĂ€llen, wo man behauptet, es wĂ€re ohne Zulp mit dem Kinde nicht auszuhalten, ist es krank, und gegen dieses Kranksein wendet man ein Mittel an, das weit schĂ€dlicher ist, als das Schreien. UeberlĂ€ĂŸt man ein derart leidendes Wsen sich selbst, so steckt es sich die HĂ€ndchen in den Mund, und indem es daran saugt, wird es eine Weile hindurch ruhiger. Es verbeißt damit gleichsam den Schmerz, wie dieß auch Erwachsene zu thun pflegen. Statt dieses unschuldigen Mittels steckt ihm nun der Unverstand einen Lappen in den Mund, den thörichte Weiber, um seine beruhigende Wirkung zu steigern, noch mit Branntwein vorher trĂ€nken.
Wie schlecht sieht es beim Suzelgebrauch mit der so wichtigen Reinhaltung des Mundes aus, der bekanntlich der Zugang zu den Athmungs- und ErnĂ€hrungs-Gebilden ist, und in dem Alles, was man genießt, verdaut zu werden beginnt?
Durch das immerwĂ€hrende Saugen verleirt die Gesichtsbildung des Kindes ihre schöne Form. Faltig, mit zwei Backentaschen, mit schlaffen, verkĂŒmmerten, nicht selten geschwĂŒrigen Lippen*); dieß ist das GeprĂ€ge des Suzelkindes, ja ich behaupte, daß man beim ersten Anblick eines Kindes erkennen kann, ob es einen Suzel bekommt oder nicht.
Durch das lĂ€ngere Verweilen im Munde wird der Zucker und der Zwieback, woraus der Zulp besteht, sauer, und so die Ursache der sogenannten SchwĂ€mmchen. - Da das Kind diesen Saft hinabschluckt, ist er auch die Quelle einer Magenverderbniß, die sich durch Aufstoßen, Erbrechen, Kolik, grĂŒnen Durchfall oder Stuhlverstopfung kund giebt. - Die Verdauung eines solchen Kindes ist zerrĂŒttet; denn wie das stete Saugen an der Cigarre so zur Gewohnheit wird, daß man daĂŒber den Appetit verliert, so verschmĂ€ht das Kind zuletzt Alles, selbst die Brust, und der Zummel wird ihm das Liebste. Durch die verkehrten Mittel, die man ĂŒberdieß gegen diese Appetitlosigkeit anwendet und durch den Wahn, daß das Alles vom Sinken des Wassers herrĂŒhre, wird das Uebel meist so verschlimmert, daß das Kind dadurch ein Opfer wird. Auch das Zahnen wird durch den Zulp erschwert und verspĂ€tet, weil das Zahnfleisch von der SĂ€ure im Munde wie gegerbt wird. Von derselben werden sogar die bereits durchgebrochenen ZĂ€hne zerstört, und sowohl deshalb, als auch weil das Kind mit dem Zulp im Munde nie ordentlich trinkt, lernt es spĂ€ter den gehörigen Gebrauch seiner Kauwerkzeuge kennen. Wie die Lippen, so wird auch das ZĂ€pfchen durch das bestĂ€ndige Saugen erschlafft, die Mandeln und die Zunge sind angeschwollen, daher Schnarchen und Vorstrecken der Zunge. **)
Nicht selten ist endlich der UnglĂŒcksfall, daß ein Kind durch den Schnuller erstickt, wenn er zu tief hinabrutscht, oder wenn das Kind sich damit den Mund ganz voll stopft.
Wie ist es aber möglich, ein Kind beim Wasser ohne Zulp aufzuziehen, werden altkluge Frauen mir zurufen? Daß es sein kann, davon habe ich mich oft ĂŒberzeugt, ich habe es in vielen Familien durchgesetzt, daß dieser Lappen beseitigt wurde zum Heilde eds frĂŒher immer krĂ€nkelnden Kindes, wie es auch in den hiesigen SĂ€uglingsbewahranstalten verboten ist, dieses unselige Ding einem Kinde zu geben; denn ist es gesund, so schreit es nicht leicht so anhaltend, und saugt, wenn es Langeweile oder Schmerz hat, an seinem eigenen Daumen. Leider kennt und wĂŒrdigt man noch zu wenig die SchĂ€dlichkeit solcher EinflĂŒsse, an die sich das Kind allmĂ€lig und durch jahrelangen Mißbrauch gewöhnt, wodurch zwar langsam aber sicher sein Leben verkĂŒrzt, und es krĂ€nklich und siech gemacht wird. Ich sah fĂŒnfjĂ€hrige Knaben, die nicht einschlafen konnten, wenn sie nicht den Zulp im Munde hatten, und die dann ein Paar Jahre darauf denselben mit dem GlimmstĂ€ngel verwechselten!
*) Diese GeschwĂŒre sind manchmal die ersten Zeichen einer durch den Zulp geschehenen venerischen Ansteckung. - Ein schauderhaftes Ereigniß, das entstehen kann, wenn eine derart Kranke denselben vorher in den Mund nimmt und dann dem Kinde gibt.
**) Ich habe zwei FĂ€lle von monströser Anschwellung der Zunge und des ZĂ€pfchens bei Kindern gesehen, welche Tag und Nacht gewöhnt waren an einem großen Zulp zu saugen."
Kinder-DiÀtetik, Ludwig Wilhelm Mauthner Ritter von Mautstein, 3. Auflage, Wien 1857

Dass ausgerechnet Adalbert Czerny ein BefĂŒrworter des Schnullers war, hat mich dann doch ĂŒberrascht. Dass ausgerechnet er - der schon Neugeborenen durch einen starren Zeitplan beibringen will, wo sie in der Hackordnung stehen - schreibt: "Neugeborene zeigen ausgeprĂ€gte individuelle Unterschiede, und diese erfordern differente Hilfsmittel in der Erziehung", ist blanker Hohn. Dass er allerdings alle, die nicht seiner Meinung sind, als vorurteilsbehaftet abkanzelt, und die Unruhe von SĂ€uglingen auf kranke Eltern schiebt, ist hingegen absolut typisch. 

NatĂŒrlich ist Czerny der Schnuller, der weggenommen werden kann, lieber als das Daumenlutschen. Und natĂŒrlich verwehrt er sich der wissenschaftlichen Hinweise auf die SchĂ€dlichkeit des Schnullers fĂŒr den kindlichen Kiefer. Erkenntnisse anderer anzunehmen, die nicht seiner vorgefertigten Meinung entsprachen, war nicht gerade Czernys StĂ€rke.

"Eine andere Art von Beruhigungsmitteln bilden die Schnuller oder Lutscher. Die Empfindung des Saugens, insbesondere in Belgeitung eines sĂŒĂŸen Geschmackes ist imstande, einen SĂ€ugling von anderen Reizwahrnehmungen abzulenken und auf diese Weise zu beruhigen. FĂŒr diese Tatsache lĂ€ĂŸt sich jederzeit leicht durch Versuche der Beweis erbringen. Hilft man den Kindern nicht mit einem Schnuller oder Lutscher nach, so hellfen sie sich selbst, indem sie die Finger in den Mund stecken und daran saugen. Dabei tritt ebenfalls Beruhigung des Kindes ein. Die Beobachtung des Saugens der SĂ€uglinge an den Fingern oder an allen leicht erreichbaren GegenstĂ€nden gab offenbar die Veranlassung, nach Ersatzobjekten der Finger zu suchen und fĂŒhrte bei den verschiedenen Völkern und in verschiedenen Gegenden zu Entwicklung mannigfaltiger GebrĂ€uche. Ein Teil derselben geht dahin den Kindern GegenstĂ€nde zum Saugen zu geben welche sich leicht sĂ€ubern lassen und fĂŒr due Kinder dadurch unschĂ€dlich sind, daß nichts von ihnen abgelöst und verschluckt werden kann. Eine zweite Gruppe bilden Maßnahmen, welche den Kindern die Geschmacksempfindung des SĂŒĂŸen vermitteln. Diese können nicht als unschĂ€dlich betrachtet werden und sind deshalb als MißbrĂ€uche aufzufassen. Modernen Forderungen Rechnung tragend, gab Escherich den sogenannten BorsĂ€ureschnuller an, bei dem das Antiseptikum gleichzeitig als Heilmittel in der Mundhöhle Verwendung finden kann.
Die Schnuller und Lutscher werden von vielen Ärzten als etwas SchĂ€dliches betrachtet und verworfen. Nach meiner Ansicht ist die SchĂ€dlichkeit bisher in keiner Weise erwiesen. Insbesondere möchte ich darauf hinweisen, wie irrtĂŒmlich die Meinung ist, daß durch das Lutschen die Kieferbildung und die Zahnstellung beeinflußt werden kann. WĂŒrde dies der Fall sein, so mĂŒĂŸten diese Kiefer- und Zahnstellungsanomalien bei den meisten Menschen vorhanden sein. Da wir zurzeit ĂŒber genĂŒgend exakte Untersuchungen verfĂŒgen, aus denen hervorgeht, daß anhaltende Unruhe eines Kindes fĂŒr dasselbe nachteilig ist, und da wir kein harmloseres Beruhigungsmittel als Ersatz fĂŒr die Schnuller und Lutscher haben, so haben wir auch kein Recht, diese zu verbieten. Aufgabe des Arztes ist es nur, dafĂŒr zu sorgen, daß die Lutscher stets tadellos sauber sind un daß sie aus einem Material bestehen, welches selbst nicht zersetzungsfĂ€hig ist. Wenn wir gefragt werden, ob das Lutschen an den Fingern dem Gebrauch eines Lutschers vorzuziehen ist, so mĂŒssen wir dies verneinen, denn es ist im spĂ€teren Alter leichter, einem Kinde einen Lutscher zu entziehen als ihm das Saugen an dem Daumen oder an den Fingern abzugewöhnen. Außerdem leiden bei manchen Kindern durch das Saugen an den Fingern die NĂ€gel. Mit Vorliebe weist man auf eine nicht unbetrĂ€chtliche Zahl von Kindern hin, bei denen kein Lutscher notwendig war und welche auch niemals an den Fingern gesaugt haben. Von solchen Kindern den Grundsatz abzuleiten, daß somit bei keinem Kinde der Gebrauch des genannten Beruhigungsmittels notwendig ist, entspringt der falschen Voraussetzung, daß alle neugeborenen Kinder gleichartig sind und daß man es in der Gewalt hat, bei jedem Kinde das zu erreichen, was man beabsichtigt. Diese Voraussetzung ist, wie wir nicht genug betonen können, falsch. Neugeborene zeigen ausgeprĂ€gte individuelle Unterschiede, und diese erfordern differente Hilfsmittel in der Erziehung. Die ruhigen Kinder bedĂŒrfen keiner Beruhigungsmittel, fĂŒr die unruhigen wird aber die Forderung nach solchen immer bestehen bleiben, und deswegen wird auch trotz des Einspruches dagegen eifernder Ärzte das Lutschen aus der Kinderstube nicht verschwinden.
Wer sich aus irgendeinem Vorurteil nicht unserer Ansicht anschließt, der wird die Erfahrung machen, daß man bei unruhigen Kindern zu Hilfsmitteln greifen muß, welche nicht gleichwertig, sondern bedenklicher sind. Man ist genötigt, die Kinder von den bei ihnen das UnlustgefĂŒhl hervorrufenden Empfindungen durch andere Sinneswahrnehmungen abzulenken. Zu diesem Zwecke stehen optische und akustische Reize zur VerfĂŒgung. Man versucht die Aufmerksamkeit der Kinder mit stark leuchtenden, bunten oder sich bewegenden GegenstĂ€nden zu erregen und kombiniert diese Manipulationen noch gerne mit Schallreizen von Klingeln und Klappern. SelbstverstĂ€ndlich gelingt es auch bei genĂŒgender Variation dieser Reize, welche oft an die Erfindungskunst des Pflegepersonals große Anforderungen stellt, die Kinder zu beruhigen, insbesondere, wenn diese Prozeduren noch mit einem Lagewechsel des Kindes, Herumtragen oder fahren verbunden werden. Viele tun sich seher viel darauf zugute, daß es ihnen in der Art gelingt, das Lutschen zu vermeiden. Dies ist aber ein Irrtum. Durch die optischen und akustischen Reize werden die psychischen Funktionen des SĂ€uglings mehr in Anspruch genommen, als es dem Entwicklungsstadium seines Gehirns entspricht. Die Kinder werden ĂŒberdies kĂŒnstlich durch dieses Vorgehen wach erhalten. Ein SĂ€ugling schlĂ€ft viel leichter und schneller beim Lutschen ein, als wenn man sich bemĂŒht, mit allen zur VerfĂŒgung stehenden Reizmitteln seine Aufmerksamkeit wachzuerhalten. Nach dem, was wir bereits angefĂŒhrt haben, sind gerade die Abkömmlinge psychopathischer Eltern diejenigen, aus denen sich die unruhigen Kinder rekrutieren, und bei diesen ist Schlaf und eine möglichst geringe Inanspruchnahme ihrer psychischen Funktionen dringend indiziert, wenn nicht im frĂŒhen Alter eine Überreizung des Nervensystems stattfinden soll. Mir erscheint deshalb das Verfahren der Beruhigung der Kinder durch das Lutschen, Schaukeln oder Wiegen unschĂ€dlicher als das durch die Ablenkung mittels optischer oder akustischer Reize."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1908

Einige abstruse Vorstellungen ĂŒber die Funktionsweisen des menschlichen Körpers zeigt hier Thomas Joseph Lauda. Nicht nur, dass er denkt, durch das Saugen am Schnuller könne das Zahnfleisch quasi eine Hornhaut bekommen und so den Zahndurchbruch erschweren. Er hat auch ĂŒberhaupt keine Ahnung, wofĂŒr Speichel da ist, und dass vermehrter Speichelfluss ein Symptom einer Krankheit sein kann, aber keine Krankheit an sich - und schon gar keine tödliche.

"Aber auch die Schnuller, Zuzeln oder Zummeln (wie man sie in meiner Umgebung nennt) sind oft Ursache, daß Kinder wegen Krankheit des Mundes die Brust nicht nehmen können Das WĂ€rzchen der weiblichen Brust ist viel zarter und weicher, als die feinste Leinwand. Da also das OberhĂ€utchen in der Mundhöhle des Kindes nur durch das Saugen an der Brustwarze schon bedeutend anschwellt: so muß der Mund bei Weitem stĂ€rker beleidiget werden, wenn das Kind, wie es gewöhnlich der Fall ist, bei Tag und Nacht ununterbrochen an den Leinwandlappen saugt. Die Schnuller mĂŒssen um so schĂ€dlicher sein, wenn man sie aus dicker, grober Leinwand verfertigt; sie mĂŒssen um so nachtheiliger wirken, wenn ihre ĂŒbrigen Bestandtheile, wie z.B. Zwieback, Zucker, Fenchelsamen, altgebackene Semmelrinde u. dgl. nicht hinlĂ€nglich fein gerieben oder zerstoßen worden sind. BerĂŒcksichtigt man ferner, daß diese Schnuller grĂ¶ĂŸtentheils sehr unrein gehalten werden, daß man sie oft dann erst erneuert, wenn sie bereits sauer oder gar schimmelig geworden sind: so liegt es wohl klar am Tage, warum viele neugeborne Kinder an SchwĂ€mmchen leiden.
Es gibt bei der Kindererziehung gewiß keine schĂ€dliche Gewohnheit, welche so allgemein verbreitet wĂ€re, als die Anwendung dieser ekelhaften Sauglappen. Auf allen SpaziergĂ€ngen, wo man nur hinsieht, findet man die Kinder mit derlei Dingen von verschiedener GrĂ¶ĂŸe. Mit diesen Sauglappen werden, wie ich gesehen, den Kindern oft auch ganz fremdartige Stoffe, wie z. B. Staub, Erde und Sand in den Mund gebracht; denn bei der Unachtsamkeit der KinderwĂ€rterinnen ereignet es sich gar nicht selten, daß die Schnuller aus dem Munde der Kinder auf die Erde fallen. Die KindermĂ€dchen, welche gewöhnlich selbst die Reinlichkeit ihres eigenen Körpers sehr vernachlĂ€ssigen, reinigen dann diese Lappen entweder gar nicht, oder nur oberflĂ€chlich, indem sie mit denselben auf der meistentheils beschmutzten SchĂŒrze höchstens einigemal hin- und herfahren. Oft sind auch die Kinder durch das ununterbrochene Saugen so verwöhnt, daß sie sogleich heftig zu schreien anfangen, wenn ihnen der Schnuller aus dem Munde fĂ€llt; das Geschrei der Kinder erlaubt daher in vielen FĂ€llen nicht, auf die Reinigung des Schnullers die nöthige Zeit zu verwenden, die WĂ€rterin muß sich vielmehr beeilen, den Schnuller so schnell als möglich in den Mund des Kindes zu bringen, um es zu beruhigen. Was können aber auf diese Art nicht fĂŒr gefĂ€hrliche Krankheiten in der Mundhöhle des Kindes erzeugt werden?
Allein wenn die Schnuller oder Zummeln auch noch so vorsichtig verfertiget und sehr rein gehalten werden, so verursachen sie den Kindern dennoch auf eine andere Weise bedeutenden Schaden.
Durch das ununterbrochene Saugen werden die DrĂŒsen im Munde dergestalt gereizt, daß sie bestĂ€ndig eine grĂ¶ĂŸere Menge Speichel absondern. Daher verlieren Kinder, welche an die Sauglappen gewöhnt sind, sehr viel Speichel aus dem Munde. Der Speichelfluß ist gewöhnlich so bedeutend, daß hiedurch in kurzer Zeit die KleidungsstĂŒcke an der Brust des Kindes ganz durchnĂ€ĂŸt werden.
Abgesehen davon, daß diese NĂ€sse an der Brust, wenn die Kinder nicht öfter des Tages umkleidet werden, verschiedene, und darunter gefĂ€hrliche Ausschlagskrankheiten erzeugt, so muß die Ausbildung des Körpers durch den betrĂ€chtlichen Speichelverlust auf jeden Fall gewaltsam unterbrochen werden. Aus den SĂ€ften des menschlichen Körpers werden seine festen Bestandtheilde gebildet. Der Speichel, welcher durch die Kraft der SpeicheldrĂŒsen aus dem Blute erzeugt wird, und sehr viele nĂ€hrende Stoffe enthĂ€lt, dient also ebenfalls zur Erhaltung und ErnĂ€hrung unseres Körpers.
Wir können an erwachsenen Menschen bemerken, wie sie durch einen Speichelfluß, der lĂ€ngere Zeit dauert, am ganzen Leibe abmagern, und ungemein matt werden. Diese Nachtheile mĂŒssen aber bei Kindern, wo sich der Körper erst zu entwickeln hat, viel schneller erscheinen. Es ist gar nicht zu wundern, daß Kinder, welche tĂ€glich eine bedeutende Menge Speichel aus dem Munde verlieren, in der Ausbildung und dem Wachsthume ihres Körpers auffallend zurĂŒck bleiben. In vielen FĂ€llen ist der durch die Schnuller erzeugte Speichelfluß allein Ursache, daß Kinder die Abzehrung bekommen, und daß sie wegen mangelnder Festigkeit und HĂ€rte der Knochen und hiedurch entstandener VerkrĂŒmmung der Glieder erst im dritten oder vierten Jahre ihres Alters, und manchmal sogar noch spĂ€ter, zu stehen und zu gehen im Stande sind.
Durch die Sauglappen entsteht endlich noch der Nachtheil, daß das Zahnfleisch an den Stellen des Ober- und Unterkiefers, wo in der Folge die ZĂ€hne erscheinen, von dem ununterbrochnen Saugen dicker und hĂ€rter wird. Denn so wie sich die Oberhaut in der hohlen Hand durch schwere Handarbeiten verdickt und erhĂ€rtet, ebenso verliert das HĂ€utchen im Munde durch das anhaltende Saugen an den Leinwandlappen seine Zartheit.
Wie sehr aber diese VerĂ€nderung des Zahnfleisches den Kindern zur Zeit des Zahnens schaden mĂŒsse, kann daraus entnommen werden, daß die ZĂ€hne durch die harte Haut viel schwerer durchbrechen, und dadurch Fieber und hĂ€ufig sogar Fraisen erzeugen, an welchen schon viele Kinder zu Grunde gegangen sind."
Die körperliche Kindererziehung, Thomas Joseph Lauda, 1864

Ganz schön bizarr, was so mancher Arzt von sich gegeben hat. Was hat Dich besonders erstaunt oder verwundert? 

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