Wer war J. von Wedell?

Eines der ersten Bücher, die ich meiner Sammlung historischer Ratgeber hinzufügte, war "Mutter und Kind. Ein Lexikon der Kinderstube". Geschrieben wurde es von J. von Wedell, die auf dem Titelblatt als Verfasserin weiterer Werke wie "Mein Haus, mein Stolz" und "Im Haus und am Herd" angepriesen wird. Das einzige Datum im Buch ist eine lateinische Zahl auf derselben Seite; sie bedeutet 1871. Laut Antiquariat war das Buch jedoch 1898 erschienen und hinter dem Pseudonym verbarg sich eine Helene Freifrau von Schroetter.

Damals gelang es mir nicht, diese Angaben des Antiquariats zu verifizieren. Andere Antiquariate gaben das Erscheinungsdatum nur als ca. 1900 an und soweit ich das erkennen konnte, waren die anderen Werke von Wedells in den 1890ern erschienen. Weitere Hinweise auf die Identität von J. von Wedell konnte ich auch nicht finden. 

Diese Lücke hat mir natürlich nie Ruhe gegeben. Um ein Werk und seinen Inhalt korrekt einordnen zu können, ist es außerordentlich wichtig, zu wissen, wer eigentlich der/die Autor'in war. Vom Inhalt her habe ich zwar angenommen, dass es sich um eine wohlhabende Adelige gehandelt haben muss, aber wäre dies nicht der Fall, würde das Werk einen ganz anderen Stellenwert bekommen. 

"Vielleicht existiert da irgend ein schöner alter Brokatstoff in der Familie, ein prunkendes Staatskleid, in dem Urgroßmutter zu Hofe ging."
Mutter und Kind, J. von Wedell, 1898

Die Frage nach der Identität ist auch deshalb wichtig, weil das Urheberrecht (in der Regel) 70 Jahre nach dem Tod erlischt. Davon hängt ab, wie viel ich aus einem Buch zitieren darf.

War ich zu Beginn meiner Forschungsarbeit noch darauf angewiesen, Bücher tatsächlich zu kaufen, so nutze ich heute vor allem die mittlerweile schier unerschöpflichen Online-Bibliotheken. Auch über die meisten Autor'innen gibt es heute Infos im Internet. Als ich anfing, gab es das nur für die berühmtesten unter ihnen. Die Chancen, etwas über die Identität von "J. von Wedell" herauszufinden, haben sich daher drastisch verbessert. Also habe ich mich noch einmal auf die Suche gemacht.

Eine Quelle, die J. von Wedell eindeutig identifiziert, konnte ich nicht finden. Daher muss ich mit Indizien arbeiten. Ich versuche herauszufinden, ob die Angaben des Antiquariats stimmen können. Da ich leider nicht mehr weiß, von welchem Antiquariat ich das Buch gekauft habe, kann ich dort auch nicht mehr nachfragen, auf welcher Basis sie diese Angaben gemacht haben.

Das Erscheinungsjahr 1898 stimmt schon mal. In der Deutschen Vierteljahrschrift für öffentliche Gesundheitspflege Band 31 wird "Mutter und Kind" als Neuerscheinung für dieses Jahr gelistet.

J. von Wedell widmete das Buch einer "Frau Gräfin Thesy von Hennin, geborene Freiin von Bettendorf, in Erinnerung an gemeinsam verlebte Jahre". Es handelt sich dabei mit allergrößter Wahrscheinlichkeit um Maria Theresia Maximiliane Emma von Bettendorf, geboren am 3. Juli 1863 zu Bamberg, verlobt im Juni 1887 mit August Grafen von Hennin, Premierleutnant im 1. badischen Leib-Grenadierregiment Nr. 109. Tochter von Heinrich Wilhelm Ludwig Freiherr von Bettendorf (1828-1879) und Olga geb. Gräfin von Rheinstein und Tattenbach (*1859) [Quelle: Gothaisches genealogisches Taschenbuch]

Wenn es also gelänge, eine Verbindung zwischen Helene Freifrau von Schroetter und Theresia von Hennin, geb. von Bettendorf, herzustellen, wäre das ein ziemlich gutes Indiz, dass Freifrau von Schroetter tatsächlich J. von Wedell war. Außerdem muss es auch irgendeinen Bezug zwischen den Namen von Schroetter und von Wedell geben, denn es muss ja einen Grund gehabt haben, dass ausgerechnet dieser Name gewählt wurde.

Dafür müssen wir aber erstmal Helene von Schroetter ausfindig machen. Das ist mir nach einiger Suche auch gelungen. Es handelt sich dabei um Helene Ernestine Josephine Elisabeth Firnhaber (geb. am 19. Januar 1867 in Wiesbaden), Tochter des Lehrers Carl Georg Firnhaber und Auguste geb. Grimm. Sie heiratete am 23. November 1889 in Wiesbaden Theobald Bruno Adalbert von Schroetter (geb. am 18. Juni 1863 in Köln). Theobald von Schroetter war der Sohn von Theobald Ferdinand Freiherr von Schroetter und Josephine geb. Grischow. [Quellen: wikipedia, ancestry] Helene von Schroetter geb. Firnhaber starb am 22. Juni 1948 in Wiesbaden. [Quelle: Kalliope]

Helene von Schroetter geb. Firnhaber war also selber keine Adelige, hat aber in ein altes Adelsgeschlecht eingeheiratet. Als "Mutter und Kind" erschien war sie 32 Jahre alt und seit gut neun Jahren verheiratet. Das passt inhaltlich zu den Beschreibungen in dem Buch. Die Autorin hat bereits Kinder, aber keines davon scheint erwachsen zu sein.

"Ich glaube, Baby wird gar gern in dieser Truhe kramen, und wenn er dereinst verheiratet ist und seiner Frau Eheliebsten die Zeichen aus seiner Jugend liebevoll vorweist, so wird sie mir, auch wenn ich eine recht böse Schwiegermutter bin - wozu ich alle Anlage habe -, wohl doch dankbar gerührt einen Moment des Gedenkens weihen."
Mutter und Kind, J. von Wedell, 1898

Mit einem Altersunterschied von zwei-einhalb Jahren könnte sie auch in ihrer Kindheit oder Jugend mit Theresia von Hennin befreundet gewesen sein. Allerdings finde ich keine Hinweise darauf, dass sie sich an demselben Ort aufgehalten haben.

Zwischen ihren Mädchennamen Firnhaber und von Bettenburg fand ich keine Verbindung zu Lebzeiten der Jugendfreundinnen. Es ist durchaus möglich, dass sich die Familien kannten. Ich habe beide Namen zusammen in Militärlisten gefunden, z.B. hier.

Verbindungen dem Namen von Wedell hatte Helene von Schroetter durch ihren Mann. Sein Onkel Heinrich Adalbert von Schroetter (1817-1874) war mit Henriette Dorothea Constanze von Wedell (1828-1898) verheiratet. Außerdem war Ernst Theodor von Schroetter (1812-1849), der Sohn seines Großonkels Ernst von Schroetter, verheiratet mit Antoinette Pauline Valesca Lukowicz (1828-1884), diese war die Witwe des Gustav von Wedell.

Diese Indizien reichen leider nicht aus, um J. von Wedell mit Sicherheit als Helene von Schroetter zu identifizieren. Zufällig stoße ich bei meiner Suche jedoch auf ein interessantes Buch.

1904 schrieb Helene von Schroetter unter ihrem echten Namen "Des Kindes Chronik. Ein Merkbuch des Lebens, von Mutterhand begonnen, zur späteren eigenen Fortsetzung". Dieses Buch könnte weitere Hinweise enthalten. Online ist es nicht zu finden, aber ich habe es jetzt bei einem Antiquariat bestellt. 

Ich bin schon ganz aufgeregt, dieses Buch bald in Händen zu halten. Das bestellte Exemplar scheint ein echter Schatz zu sein. Das Antiquariat bot folgende Beschreibung:

208 S. Jugendstilrahmen zum Ausfüllen, z.Tl. mit Text. Farbig illustr. Oln. in Schutzkarton, Einbd. ganz min. fingerfleckig, letztes Bl. mit sauber geklebtem Einriß, sonst sehr schönes Exemplar. Teilweise ausgefüllt. Beiliegend Haarlocken, 1 Seidenbändchen, in der Tasche a.d. hinteren Einbddeckel Photos, Kalenderblatt des Geburtstages, 1 Briefchen und 1 gedr. ausgefülltes Heftchen: Jahres-Censuren.

Eine Haarlocke und Fotos? Ich freu mich! Und natürlich werde ich Euch auf dem Laufenden halten.

Edit: Das Buch ist da! Seht mir hier beim Auspacken zu: Unpacking Des Kindes Chronik - Helene von Schroetter

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Diese beiden Zeitungsausschnitte lagen dem Buch bei.

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