Wiege und Kinderbett in der bürgerlichen Wohnung

In dem "Buch von der gesunden und praktischen Wohnung" von 1891 bescheibt C. Falkenhorst neben der kindgerechten Wohnung und dem Säuglingszimmer auch die geeignete Schlafstätte für Babys und Kleinkinder. Zunächst widmet er sich ausführlich der Wiege.

"Der Neugeborene kommt hilflos zur Welt und die Eltern müssen schon frühzeitig für seine Ausstattung sorgen. Soweit die Kindermöbel in Frage kommen, ist diese Ausstattung von großer gesundheitlicher Bedeutung; die Schönheit der einzelnen Stücke kommt dabei nicht in Betracht, ihre Zweckmßigkeit ist entscheidend. Die Kindermöbel müssen so beschaffen sein, daß das Kind an ihnen keinen Schaden nimmt. 

"Hier an meinem Bette hat die Wiege Raum," singen die Frauen der Neuzeit und in dem "Hebammenbüchlein" Rößlins, welches im Jahre 1561 herausgegeben wurde, heißt es:

"Ich wieg' mein Kindlein sänftiglich
Und wind's in Tüchlein fleißiglich;
Das Häuptlein soll auch höher liegen,
Denn der Leib. Dann sollst Du's wiegen
Hin und her, doch sanft und leis;
Sing auch dazu ein' süße Weis - -"

Wie schön auch der poetische Zauber ist, der die Wiege umgiebt, die Aerzte sind von ihr nicht besonders entzückt.

Sanitätsrath Dr. Livius Fürst äußert sich darüber in seinem Buche "Das Kind und seine Pflege": "Vielfach ist noch die Wiege im Gebrauch, wenngleich erfreulicherweise viel seltener als früher; denn, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß zu den Hauptbedingungen eines guten Lagers ein gleichmäßig ruhiger Stand desselben gehört und daß die einförmig schaukelnde Bewegung der Wiege, wenn sie auch von vielen Kindern ohne Schaden vertragen wird, dennoch nur eine künstliche Betäubung und Einschläferung bewirkt, so muß man sich entschieden gegen die Anwendung einer wiegenden Lagerstatt erklären. Der durch das Hin und Herschwanken in einem bestimmten Takte fortwährend veränderte Blutkreislauf, besonders in der Schädelhöhle, muß ähnlich wie die EInwirkung der Schaukel, des Wellenspiels auf der See u. s. w. einen leichten Taumel und Schwindel, bei längerem Bestehen aber einen Zustand von Betäubung herbeiführen, der nach und nach in Schlaf übergeht, aber nicht in den durch natürliche Erschlaffung von selbst eintretenden Schlafzustand, sondern in einen künstlich erzeugten, welcher dem durch Hypnotismus und durch Schlafmittel herbeigeführten nahe steht. Das Kind, welches niemals an eine Wiege gewöhnt wurde, sondern daran, beim Hineinlegen in ein feststehendes Lager ohne künstliche Mittel einzuschlafen, ist unstreitig glücklich daran, und ebenso ist es die Mutter, welche sich diese Zuchtruthe nicht erst auf gebunden hat. Ist das Kind aber freilich an ein so naturwidriges Einschläfern gewöhnt, so hält es schwer, es wieder anders zu gewöhnen, und die Folge davon ist, daß die Wärterin oder Pflegerin, sowie die Mütter selbst, unermüdlich mit dem Hin- und Herwiegen fortfahren müssen, wenn sie sich und dem Kinde Ruhe verschaffen wollen. Ein gesundes Kind bedarf keiner Wiege und eine vernünftige Mutter sollte keine solche anschaffen."

Nicht alle Arzte sind so entschiedene Gegner der Wiege. Ein sanftes Wiegen ist der Meinung vieler nach dem Kinde ebenso zuträglich, wie das Tragen auf dem Arm, das als Beruhigungsmittel angewendet wird. Die ärztlichen Anhänger der Wiege wenden sich aber gegen fehlerhaft gebaute Wiegen, "welche bei der starkten holpernden Bewegung das eingewickelte Kind so heftig hin- und herwerfen, daß man es wie den Odysseus bei der Fahrt zwischen der Skylla und Charybdis anbinden muß, und die auf einen Erwachsenen, wenn er dieser Folter ausgesetzt würde, die Wirkung einer Seereise im Sturm haben würden."

Um diesen Unnanehmlichkeiten vorzubeugen, hat man verschiedene "Gängel- und Schwungwiegen" konstruiert. Ja, es giebt selbst unter den Schaukelbetten solche, welche von rechts nach links und von Kopf zu Fuß und umgekehrt das Kind schaukeln. Am meisten haben sich die auf Kufen oder Wiegenläufen ruhenden Wiegen behauptet, und wer mit der Poesie der alten Zeit durchaus nicht brechen will und seinen Säugling wiegen muß, dem möchten wir rathen, darauf zu achten, daß die Wiegenläufe Bögen eines möglichst großen Kreises bilden, also möglichst flach und nicht zu stark gebogen sind und daß beide Bögen durchaus gleich sind. Auf ebenem Boden gehen solche Wiegen gleichmäßig und man kann darin das Kind "gemächlich und sänftiglich wiegen, daß die Milch nicht hin- und herfahre, und bewegt unrein gebösert werde."

Alle Aerzte stimmen aber darin überein, daß die Wiege durchaus unnöthig ist und daß man auch ohne sie Kinder großziehen kann. Unserer Meinung nach ist die Anschaffung derselben schon darum zu vermeiden, weil die Wärterinnen in den allerseltensten Fällen das richtige Maß einhalten. Das Wiegen ist eine Arbeit, die kein besonders großes Geschick erfordert. Haben die älteren Personen im Hause dazu keine Zeit, so werden kleine Geschwister dazu angestellt. Daß Hunde, namentlich Pudel diese Dienste dem jüngsten Familienmitgliede oft leisten müssen, ist auf dem Lande bekannt. Aber man hat schon zu noch sonderbareren Mitteln gegriffen. Dr. Heinrich Ploß hat in seinem Werke "Das Kind in Brauch und Sitte der Völker" eine ganze Anzahl solcher Eigenthümlichkeiten zusammengestellt. Danach bedienen sich die Bergbewohner in Oberbayern einer eigenthümlichen Vorrichtung; sie setzen die Wiege dadurch in dauernde Bewegung, daß sie mittels eines Strickes die Kinderwiege mit dem Schwanze einer in der Hütte befindlichen Kuh in Verbindung bringen; wenn diese die Fliegen durch Wedeln des Schwanzes zu verscheuchen sucht, versetzt sie unwillkürlich die Wiege mit in Bewegung. Auch die Wasserkraft wird von den Aelplern zum Schaukeln der Wiege benützt, indem sie dieselbe mittels einer Stange und eines Strickes mit einem Wasserrade verbinden. Mit der Wiegefrage hat sich auch der geniale Erfinder der Lokomotive, George Stephenson, beschäftigt. Als er noch in Killingsworth als unbekannter Bremser lebte, erwarb er sich daselbst den Dank aller Frauen aus der Nachbarschaft, da er die Wiegen der Kinder mit dem sogenannten Smoke-jack (dem Bratenwender, welcher vermittels Luftzugs im Rauchfang in Thätigkeit gesetzt wird) in Verbindung brachte, wodurch sie sich von selbst bewegten. - 

In der Meinung vieler ist das Kind um so braver, je mehr es schläft und je weniger es schreit. Aber man darf nicht vergessen, daß es nicht ohne Grund schreit. Die Aufgabe der Mutter oder Wärterin ist es, nach dem Grunde zu horchen. Das Kind ist hungrig, oder es liegt naß, oder die Windel drückt es, es ist zu fest eingeschnürt, oder auch krank; das Wiegen hilft dagegen nicht.

Das erste Bettchen des Kindes, das erste Möbel, welches wir ihm anschaffen, verdient eine größere Beachtung, als dies bis jetzt noch vielfach der Fall ist. In manchen Gegenden haben sich noch alte Sitten erhalten, die geradzu verwerflich sind. "In Württemberg," schreibt G. Ploß, "ist noch in vielen Haushaltungen die sogenannte kleine Wiege vorhanden, welche kaum 1 1/2 Fuß hoch ist und nur einen kleinen Spreusack enthält, auf dem das Kind zu liegen kommt. Die Ueberdecke überragt den Rand der Seitenbretter und das Kind würde beim Schaukeln leicht herausfallen, wenn keine Sicherheitsmaßregeln angebracht wären. Diese bestehen darin, daß dem Kleinen an beiden Händchen Fesseln von Leinwand angelegt werden, welche vermittels längerere Bänder an den unteren Pföstchen befestigt werden. Hierdurch ist das Kind nicht im Stande, sich zu drehen, es muß in der Rückenlage verharren und kann bloß seine Füße bewegen und gegen das Fußbrett unter die Decke herunterruntschen. Damit auch diese Bewegung und zugleich das sich Aufrichten und Bäumen des Kindes verhindert werde, dasselbe aber hübsch ordentlich unter der warmen Decke bleibe, wird diese mittels eines langen Bandes oder Gurtes über die Wiege im Zickzack festgebunden, zu welchem Zwecke die Seitenbretter mit kleinen hölzernen Nägeln versehen sind."

Seit der Zeit, da Ploß seine Beobachtungen niederschrieb, hat sich in Württemberg vieles zum Besseren gewendet und wir verdanken gerade Stuttgart die trefflichen Milchanstalten für Säuglinge, wie sie jetzt in allen größeren Städten eingerichtet werden. Dieses Beispiel ist aber bezeichnend für die Art und Weise, in welcher dem Säugling hier und dort seine Schlafstätte vereitet wird.

Solange das Kind im Steckkissen liegt, ist der Korb für dasselbe das zweckmäßigste Bettgestell. Man kann die Korbbetten in verschiedenen Ausstattungen kaufen.

Am zweckmäßigsten ist ein Kinderkorb, der mit dem Fußgestell fest verbunden ist. Wer aber sparen muß, der kann sich mit einem gewöhnlichen entsprechend großen Wäschekorb behelfen, der, auf eine sichere Unterlage gestellt, durchaus zweckmäßig ist.

Wenn die Wiege in der Neuzeit mehr und mehr verschwindet, so tritt dafür der Kinderwagen als die erste Bettstelle des Kindes immer häufiger auf. Er ist ja eigenlicht ein fahrbarer Korb und man kann gegen ihn nichts einwenden. Die modernen Kinder, namentlich der arbeitenden Klasse in dem Zeitalter des Dampfes, werden nicht eingewiegt, sondern eingefahren.

Sobald der Säugling das Steckkissen verläßt, gehört er in ein Gitterbett. Ueber die Beschaffenheit desselben werden wir in der Abtheilung das Bett und das Schlafzimmer ausführlicher berichten."

In dem Kapitel "Das Bett und das Schlafzimmer" steht folgendes zum Kinderbett:

"Sobald das Kind aus dem Steckkissen genommen wird, gehört es in ein Gitterbett. Es giebt verschiedene solche Bettchen, die aus Holz oder Eisen gefertigt sind. Wir geben den hölzernen den Vorzug, weil die Kinder in der Nacht sich oft umherwerfen und dann mit einem bloßen Körpertheil oft stundenlang an einer Stelle der Bettwand anliegen. Da nun das Eisen ein guter Wärmeleiter ist, so entzieht es dem kindlichen Körper verhältnismäßig mehr Wärme, als das Holz. 

Das Gitter am Kinderbett sollte abnehmbar sein, damit die Mutter oder Wärterin leichter zum Kinde hinzukann, um die nöthigen Dienstleistungen zu besorgen. Das Gitter kann auf zweifache Art entfernt werden, entweder derart, daß man es aus dem Falz herausheben und wieder hereinlassen kann, oder so, daß die Seitenwände heruntergeschlagen werden können, beim Heraufschlagen aber durch Häkchen in Oesen festgehalten werden. Die letztere Einrichtung ist bei weitem praktischer; man behält nicht das Gitter frei in der Hand, sondern es bleibt am Bettchen hängen; es läßt sich mit einem Griff wieder heraufschlagen und kommt von selbst in die zum Einhaken passende Lage. Das Einpassen in den Falz ist dagegen namentlich bei schlechter Beleuchtung in der Nacht umständlicher.

Es wird empfohlen, Säuglinge, sobald sie aus dem Steckkissen kommen, auf Roßhaarmatratzen zu legen und mit Steppdecken zuzudecken; aber die Aerzte, die diesen Rath geben, fügen sogleich hinzu, daß man, wenn das Kind sich nicht genügend auf diesem Lager erwärmen kann, ein leichtes Unterbett hineingeben soll. Es ist nun zweckmäßiger, das Experiment, namentlich im Winter, mit dem kleinen Kinde nicht zu machen und es lieber gleich in Federbettchen zu legen. Man hat später noch immer Zeit, das heranwachsende Kind von dem wärmenden Lager an ein luftigeres zu gewöhnen, man muß nur diesen Uebergang im Hochsommer machen und auch beim Kinde das Fußdeckbett nicht vergessen. Der kleine kindliche Körper kühlt sich bei weitem rascher ab, als der eines Erwachsenen, und man kann darum die Federbettchen nicht unbedingt aus der Kinderstube verbannen."

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